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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 282

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
Date
1898-01-01
Page
282 (sequence 4)
Language
German
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282 seiner Frau Ch'änne die Wirtschaft so gut sie es konnte, aber um das Innenleben seiner Tochter, die beim Tode der Mutter erst 14 Jahr alt war, vermochte sie sich nicht zu kümmern. Sie hätte es auch wohl kaum verstanden. Ebenso wenig, wie der Vater selbst. Von Individualität und Seelenleben war damals noch nicht die Rede bei den Kindern dieses bedrückten Volkes, das zu einem großen, dichten Haufen gemeinsamen Elends zusammengeballt war. Wer hätte da den Regungen des Einzelnen Beachtung schenken sollen, wer mit dem Fühlen und Denken besonderer Erscheinungen sich beschäftigen? Das Wort: „Jude" umfaßte sie alle. Ihre Sonderart war für die andern eine Quelle des Spottes, des Haffes, für sie selbst aber der Kitt, der sie zusammenhielt unlöslich . . . ewig. Auch in einer Gleichheit der Formen und Sitten und Lebenshaltung, die sie nur wenig von einander unterschied. Einzig, daß das Gewand des Reicheren etwas feiner war und die „Kugel" fetter und süßer, aber sonst machten sich in Gesinnung und Gesittung wenig Unterschiede bemerkbar. Sie waren Alle bedrückt, verängstigt und eingeschüchtert, demüthig und unterwürfig. Sie waren verachtet und verspottet, aber vielleicht gerade darum von größerer, innerer Würde, einem heimlichen Stolze und jenem unbewußten Adel, den die gewaltige Tragik des Märtyriums ihres Stammes ihnen aufdrückte. Und je weniger die Außenwelt sie achtete und von ihnen wissen wollte, desto mehr hielten sie auf sich und hatten das große Gefühl der Tradition, eines starken Familiensinnes, der Ehrbarkeit und Keuschheit zur Grundlage ihres Sittenkodex gemacht. Dabei hatten die Landesgesetze es den Juden nicht gerade leicht gemacht, daran festzuhalten. Das Verbot der Eheschließungen verurtheilte die Söhne und Töchter der damals unter den Ausnahmegesetzen schmachtenden mährischen Israeliten zum unfreiwilligen Zölibat. Die frühzeitige Reife der jungen Mädchen, die Abgeschlossenheit, in der die Jünglinge erhalten wurden, ließen diese Anordnung noch grausamer und haltloser erscheinen. Trotzdem wurde die strengste Zucht und Sitte aufrecht erhalten und in der „Khille" wurden nicht einmal die Ehen anerkannt, die heimlich nach mosaischem Ritus von einem Talmudisten geschlossen wurden. Die Kinder aus einer solchen Ehe , galten als uneheliche. Das Paar selbst wurde als: „Emigranten" bezeichnet, und verachtet und gebrandmarkt innerhalb der eigenen Glaubensgenosfenschaft war, wer als

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