Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 281 (sequence 3)
- Language
- German
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281 der dritte „Familiant" seit Erlassung jenes Edikts in seiner Familie, eine Ehe schließen. Das gab ihm ein gewisses Gefühl von Würde. Er hielt etwas auf sich, wenn er auch durchaus nicht zu den Begüterten unter seinen Glaubensgenossen gehörte. Trotz alles Fleißes und aller Sparsamkeit kam er über die Kümmerlichkeit eines kleinen Schnittwaarenhandels nicht hinaus und während er unterwegs war, hatte Kobele Stern, ein junger Mensch, den er ins Geschäft genommen hatte, zu Hause auch keine sonderlich großen Einnahmen zu verzeichnen. Was nutzte es sich zu quälen, zu darben und zu sparen, wenn die Willkür fanatischer und krasser Bedrückung jedes Vorwärtskommen erschwerte und niederhielt. Man mußte in Zeitläufen, wie die des vormärzlichen Oesterreichs, schon zuftieden sein, wenn man ungeschoren und unbeachtet blieb, sein Stückchen Brod essen konnte, ohne zu viel Schikanen und Bosheiten — etwas hinzunehmen war man ja schließlich gewöhnt — und dann der — Sabbath! Der hielt schadlos für vieles. Wenn die Gasse so ruhig und einsam dalag wie heut, nur die heiße, stille Sonne über sich, dann war es wirklich wie ein Gottesfrieden in dem Viertel, wo die Verhetzten und Verachteten dicht bei einander wohnten. Nichts regte sich rund umher. An der Ecke des Hauses saß, ebenfalls im vollen Sonnenschein, die „Bobe4) Zorel" auch feiertägig gekleidet. Die goldene Haube bedeckte ihren Kopf und über dem schneeweißen „Kräusel"2) sah ihr faltiges Gesicht ganz pergamentartig aus. Die Hornbrille war ihr ties auf die Nase herabgerutscht und die Hände hielt sie über der „Zeenu urenu“ s) gefaltet, über der sie eingenickt war. Den zahnlosen, halbgeöffneten Mund umspielte ein welkes Lächeln. Sie träumte vielleicht von den Barches, die ihr gestern besonders schön gerathen waren und davon, daß sie ihrer Enkelin Lea, die dabei stand, als sie „Challah“4) nahm, gesagt hatte: „bei Dir in Freuden". Womit ste ihr die Würde der Hausfrau wünschte. Lea war blaß geworden bei diesem Wunsche. Das hatten aber die müden, gerötheten Augen der alten Frau nicht wahrgenommen. Sie führte ihrem Schwiegersohn Schmul nach dem vor einigen Jahren erfolgten Tod i) Großmutter. -> Halskrause. *) Jüdische Postille. 4) Frauenpflicht, von dem Brotteig ein Theilchen abzubrechen und — als Opferersatz — ins Feuer zu werfen.