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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 276

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Hass und Rache
Date
1898-01-01
Page
276 (sequence 49)
Language
German
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276 vernehmen ließ. Denn ihm war, als würgte es ihn am Halse, er setzte sich auf die Erde, den Kopf in beiden Händen, schaute vor sich hin und verstummte. Lange saß er da, Öde und Vereinsamung in tiefinnerstem Herzen, da kam an sein, Ohr die Stimme eines, der sang: „Wie soll mir Trank, wie soll mir Speise munden. Seh deine Glieder ich geschleift von Hunden?" Die tiefsten Seiten seines Gemüthes berührte und erschütterte diese Stimme seines Vaters, der auch an diesem Gedenktage der beiden Tempelzerstörungen (9. Ab) in das Gotteshaus gekommen war, was er seit Jahren unterlassen. Und nun blickte auch Ephraim ins Gebetbuch, und als er mit seinen Lippen das Klagelied mitsang: „O Zion, bietest Du denn keinen Gruß," vergossen seine Augen einen Thränenstrom; er weinte, er hörte gar nicht auf zu weinen und fühlte eine ungeahnte Beseeligung in diesem Weinen. Als wäre er bisher unter Schutt begraben gelegen, der wie eine Steinlaft aus seinem Herzen drückte und nun das alles aus einmal weggeräumt war durch die harte Arbeit eines rasch herbeigeeilten Befreiers, so fühlte er, daß ein Stein nach dem andern ihm vom Herzen falle und auch sein bereits versteintes Herz von der Stelle rücke und ein menschlich fühlendes an seine Stelle komme. Und als er am Schlüsse des Gottesdienstes aufstand, blickte er um sich, als sähe er eine neue Welt, eine Welt der Liebe und Verbrüderung, vor sich' bevor er sich jedoch aller dieser Gedanken noch recht bewußt war, trat in feiner hohen Gestalt, mit ehrfurchtgebietender Miene sein Großvater vor ihn hin, legte ihm die Hand aufs Haupt und rief mit zitternder Stimme: Gott segne Dich, mein Ephraim! Des Greises Antlitz, aus dem Ehrlichkeit und Offenheit: strahlten, seine Augen, in denen Thränen wie Edelsteine funkelten, der weiße bis auf die Brust herabwallende Bart, an dem wie Thautropfen die Thränen träufelten, seine Stimme, in der Trost, Hoffnung und Vergebung zugleich klangen, verbreiteten ringsumher heilige Andacht und nicht blos Ephraim's Vater, sondern alle Umstehenden erfaßte ein Geist der Liebe und Milde, die Kinder mit den Eltern, die Eltern mit den Kindern wieder zu versöhnen, und auch die übrige Jugend, die mit ihren Eltern nur in hergebrachter Weise, ohne Herz, und Gefühl in die Synagoge gekommen war, ging bei diesem Anblicke in sich und ward zerknirscht, und alle baten

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