Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 275

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Hass und Rache
Date
1898-01-01
Page
275 (sequence 48)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3111067-3111068-3111213--0297-3111524
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

275 — Bein dringendes 'Wehklagen, wie die Stimme von Tausenden, die man ermorden will. Die Stimmen von Männern, Weibern und Kindern vereinigten sich und machten die Wolken erbeben. Er erstarrte, ermannte sich jedoch schnell und rief mit gewaltiger Stimme: „Schlächter, habt Ihr wieder die Schlachtbank gerüstet? Der Brüder Sümme ist's, sie verscheiden unter der Mörderfaust. Auch ich gehöre zu Euch! Rache an den Feinden! Wo ist meine Flinte? Auch dies zu meinem Unglücke! Ich habe sie als werthloses Werkzeug von mir geworfen und doch vertheidigt sie die Bedrückten. Wie dem auch sei, sterben will ich mit diesen Redlichen; mein Ende sei wie das aller meiner Brüder, die zur Besiegelung chres Glaubens ihr Leben hingegeben. Ich theile die Noch mit Euch!" Mit diesen Worten eilte er gewaltigen Schritts dahin, von wo die Sümmen kamen. Es war die große Synagoge der Stadt. Gewaltsam riß er die Thüre auf und seinen Augen nicht trauend sprang er zurück, als er die große Menge wie einen Tobten betrauernd, auf der Erde sitzen sah, barfußgebeugten Hauptes, ihr Auge in Thränen ergossen und mit herzergreifender, markerschütternder Sümme betend. Noch wußte er uicht, was um ihn vorging und kam sich wie im Traum oder im Wahnsinn vor. Fast hätte er sich beredet, daß es nur ein böser Traum, ein leerer Wahn sei. Aber als hätte eine verborgene Hand ihn ergriffen und erst hoch emporgehoben, dann tief hinabgeschleudert, so warf er sich plötzlich zu Boden, zvg rajch die Schuhe aus und warf sie hin, schlug mit beiden Händen auf den Kopf und ergoß sich in so heftiges Weinen, daß er alle übrigen Sümmen übertönte; ein Weinen, darob alle Herzen und die Säulen der Synagoge erbebten. Eine Sümme war's, wie die eines gewaltigen Heeresordners, von mächtigster Wirkung, denn ihm nach seufzten und wehklagten alle, bis die Kraft versagte. Der Sturm von hundert zerbrochenen Herzen tobte in dem einen in hundert Stücke gebrochenen und ward zu einem Orkan, der alles und jedes mit sich fortriß. Der Jammerruf des mit Füßen getretenen und verachteten Juden stieg zum Himmel, und als hätten sie beim - Verhauchen ihrer ganzen Seele eine neue Seele gewonnen und durch Erneuerung der Thränen chre Kraft verjüngt, so wuchs die Aufregung, auch nachdem Ephraim Hagrovicz schwieg und seine Sümme, die er nur zwei oder dreimal erhob, nicht mehr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.