Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 274 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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— 274 — von uns?" Ein Hohnlachen brach aus seiner Kehle) und Spott und Seelenqual zeigten sich ans seinem Antlitze, als er fortfuhr: „Doch ihnen liegt so wenig an unserer Liebe wie an unserem Haß. Was kümmern sie unser waffenloser Zorn, unsere kraftlose Rache und unsere nie zum Ausbruch kommenden Gefühle, die, wie ein schlecht gehandhabter Bogen nicht das Ziel, sondern den Zielenden ins Herz treffen? .Wer kann es mit diesem Gelichter aufnehmen? Auf unsere Seite sind Recht und Gerechtigkeit — arme Schlucker, die vor einer geballten Faust sich zage verstecken. Ha, hätten wir eine Faust statt Recht, kräfttge Arme statt Redlichkeit, dann hätte auch unsere Sümme Gewicht. Eine Faust! ja, eine Faust, um uns auf die eigene Backe zu schlagen, da würde uns unser Recht widerfahren! Wir alle ohne Ausnahme haben gefrevelt: unsere Väter mit ihrer Zucht und Erziehung, unsere Mütter mit ihrer Unterweisung und wir haben dann stolz das Haupt gehoben und unfern Ruhm darin gesetzt, vom Glauben abzufallen . . . Das hörte ich alles längst, jener klar Blickende sah das alles voraus und rief unaufhörlich: Drachen und Ottern nennt ihr Brüder und Freunde, die in kurzem die ganze Welt mit dem ausgebrüteten Gift durchttänkt haben werden. . . . Haben wir ein Recht zu klagen? Sie thun uns viel weniger, als wtt uns selbst gethan. Sie tödten unfern Leib, während wir längst die Seele getödtet haben und dem Winde nachgejagt sind." ... Einzelne wie Trauernde barfuß und gebeugten Hauptes vorüberziehende Juden rissen chn aus seinen Betrachtungen. „Was? wurden sie aus chrer Heimath vertrieben, hat man ihre Häuser zerstört? Aber sie fliehen ja nicht. Andere kommen nach und alle gehen nach einer Richtung. Was ist ihnen geschehen? Die Juden trauern! Begreift ihr Aermsten unter den Armen, wie groß Euer Unglück ist? Eure eigenen Kinder und Enkel haben sich gegen Euch verschworen!" So rief er ihnen nach und schüttelte sein Haupt. Lange wandelte er, sich umschauend, durch die Straßen und trat nicht in das am anderen Ende der Stadt liegende väterliche Haus, denn er wollte frühmorgens den Hausftieden nicht stören. Auch fühlte er sich bei der Erinnerung an die Mutter beengt, denn was soll er ihr sagen, was sie ihm antworten? Mit eins erschrak er, denn er hörte ein furchtbares, durch Mark und