Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 273 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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— 273 sich selbst den Tod zu geben. Nein! Du gehörst mir nicht!" Und er warf sie hin und wie sie fiel, ging die Kugel unter Krachen und Getöse los und schlug in einen Baum. Und als hätte er seinen Todfeind angegriffen und niedergestreckt, entsetzte sich Hagrovicz von dem Ton und floh und eilte aus Leibeskräften, ohne hinter sich zu blicken, der Stadt zu. Wie er so versunken in der Tiefe seiner Gedanken daherging, erwachte er mit einemmal wie aus dem Schlafe beitn Brüllen von Kühen und Meckern von Ziegen, die ein kleiner Knabe austrieb. Es war die Heerde der Stadt, und als er hinsah, floh eben der wirkliche Hirte ans einem Kohlgarten, wo er sich satt gegessen und auch einen Sack davon mitgenommen hatte, und der tief erschrak, als der Knabe, ihm das Warnungszeichen vor dem eben ihnen entgegen Kommenden gegeben hatte. „Wie beklag' ich dich, du Armer!" sprach Hagrovicz zu sich, „du wurdest zu einer Zeit geboren und erzogen, wo Raub und Diebstahl noch nicht gestattet waren,- du hast noch nicht gelernt, offen zu rauben unter dem Vorwände, daß es ja doch dem Juden gehört. Die jetzt aufwachsenden Kinder werden glücklicher sein, sie werden niemals wegen Diebstahls und Raubs bestraft. . . Aber Gott schütze dich", fuhr er im Selbstgespräche fort, als er bemerkte, wie der Hirte wiederholentlich vom Zaun zu springen versuchte und immer rückwärts fiel, „daß du dich irgendwo anschlägst. Wegen eines Tropfens deines adeligen Christerlblutes würden sie tausend meiner Brüder hinmeucheln... Ist die Passahzeit noch nicht'mähe?" ftagte er sich und sah mit verstierten Augen nach allen Seiten herum. „Alles eins! Wir feiern unser Passah täglich, viele Hände rüsten uns das Fest." Plötzlich blickte er sich um, zu erfahren, wer diese Worte gesprochen. „Wie? das sprach ich? Bin ich nicht mehr der eingebildete Narr, der klüger sein will, als alle, die Verstand reden? Ich mit der herausgelösten Zunge führe plötzlich eine gallige und vergiftete? Weh Euch, Kurzsichtige! Das ist die Folge Eures Thuns, ihr Frevler! Ihr reißt den Keim des Friedens mit der Wurzel aus und säet Streit und Zank und ewige Feindschaft und Blutvergießen. Meine Seele, mein Leben, meinen Verstand und mein ganzes Urtheil habe ich chnen geopfert, und sie haben mich mit Schmach und Schimpf zurückgestoßen. Und da wollen sie für ihre Feindschaft Liebe 18