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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 263

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Hass und Rache
Date
1898-01-01
Page
263 (sequence 36)
Language
German
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263 nicht, und viele Judenhäuser würden für friedlich gegolten haben, wenn es in ihnen ausgesehen hätte, wie noch jetzt bei Hagrowicz. Aber nur ein von Jugend auf an Dürftigkeit Gewöhnter giebt sich mit einem Gericht von Kohl, nur ein Obdachloser mit einer Hütte zufrieden. Der im Wohlleben Ausgewachsene, dem der Eltern'Reichthum den leisesten Herzenswunsch gewährt, und der, bleibt auch etwas immer unerfüllt, Druck und Entbehrung fühlt, der begnügt sich nicht mit den traurigen Resten und weint dem unwiederbringlich Verlorenen ewig nach. So empfand auch Hagrowicz jetzt tiefschmerzlich den Mangel. Sein Vater war wohl wieder hergestellt, mit nichten aber sein Gemüth; seit jener grauenhaften Zerstörung fürchtete er für sich, für seine Stadt, für das gesammte Judenthum. Zu Zeiten ächzte er wie ein krankes Kind, blickte um sich, als hörte er aus der Ferne das Zetermordio einer Räuberbande und sah die Tochter entsetzt an. Doch dessen achtete man weniger; es war eben eine Krankheit, die er ertrug, und die seine Hausgenossen liebevoll mit ihm trugen. Allein von Zeit zu Zeit kam der Name seines Volkes ihm auf die Lippen; je weniger er früher in diesem Hause gehört worden war, desto öfter kam es jetzt vor. So oft es aber geschah, zitterte er am ganzen Leibe. Dies war der Mutter ein viel furchtbareres Strafgericht, als alle die schweren Leiden dieser Tage. Denn was hat das nächste Geschlecht zu hoffen, wenn die Erleuchteten, die einstigen Träger der Aufklärung, wieder zur alten Finsterniß des Ghetto zurückkehrten? Was war das für ein Leben einer Frau wie sie, gewöhnt, Besuche zu machen und zu empfangen, zu plaudern und Andere plaudern zu hören, überall zu brilliren, wenn sie die christliche Haute-Voles nicht mehr bei sich sehen durfte? Trübsinnig war sie, wenn sie allein ohne ihren Gemahl dasaß, gedrückt ihr Gemahl in seiner Vereinsamung mitten unter dem Hausgesinde. Und auch Rahel, früher voll Lebenslust mit ihren strahlenden schwarze^ Augen, auch sie seufzte zeitweilig beim Anblick des Vaters; wie ein Schleier umwölkte ihre schöne Stirn, dämpfte den Blitz chres Auges. Das alles machte auf den jungen Hagrowicz den wehmüthigsten Eindruck. Zwischen Vater und Mutter Frieden stiften, ging nicht an; denn sie sprachen sich nicht aus und chatten nie Streit und stellten sich heute, wie

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