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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 259

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Hass und Rache
Date
1898-01-01
Page
259 (sequence 32)
Language
German
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259 $a blickte er in den Spiegel und war tief erschrocken. Wieder stand er auf und redete mit sich: „Nein, nicht so! nur eine Bande beschäftigungsloser Proletarier hat dies angestiftet) das christliche Volk ist gut und sanft, wo giebt es ein Land in der Welt ohne Proletarier? Die Gerichte werden ihnen das Handwerk schon legen. Aber wie? Mein Vater, eine Zierde der Menschen, mein Vater, zu dem der Statthalter einmal sagte: Wären alle Juden wie du, hätten wir schon längst Ruhe und Frieden im Lande; woraus mein Vater zu erwidern sich ein Herz nahm: Wären alle Christen so, dann wär' es noch besser, was jeder lobte, der diese Antwort hörte — ein solcher Mann in der Hand von Einbrechern, und der Kreishauptmann, der ihn so beschimpfte! O Friede und Verträglichkeit müssen aus -sehr schwachen Füßen stehen!" sagte er zu sich und seufzte und setzte sich an den Tisch und wollte des Vaters Brief noch einmal lesen. Da bemerkte er erst, daß ein zweiter Brief von seiner Mutter auf dem Tische lag, den er gar nicht gesehen. Voll Begier riß er schnell das Couvert auf und las: „Theures Kind! Es thut mir leid, daß man Dich mit der bösen Nachricht bettübt. Auf mein Verlangen ist es nicht geschehen, denn ginge es nach mir, so hättest Du von der ganzen Sache nichts erfahren. Wozu auch von einem bösen Zufalle reden, der gewiß wie eine Wolke spurlos vorübergehen wird. Erfährt man aber christlicherseits, daß wir die Nachricht im ganzen Lande verbreiten, dann haben sie erst ein Recht, uns wegen öffentlicher Verleumdung zu Haffen. In Wahrheit schämen sie sich des Treibens einiger Proletarier. Und hätte dieser bitterböse Zufall nicht deinen Vater so tief bekümmert, ich würde ihn nicht einmal erwähnt haben. Allein Dein Vater ist plötzlich ein anderer geworden; die Furcht lastet schwer auf ihm. Wir sind ja doch nur Juden, und wenn wir von Wissen und Bildung noch so viel erworben, so reicht das doch nicht hin, unsere Verzagtheit durch etwas mehr Much zu stählen. Möchtet doch Ihr, die Söhne eines künftigen Zeitalters, glücklicher als wir sein! Dein Vater schwelgt förmlich in furchtbaren Vorstellungen, hat seinen Glauben an Aufklärung und Vereinigung abgeschworen und prophezeit nur Schlimmes ftir die Zukunft. So ganz hat der Schrecken ihn überwältigt, daß er versichert, Dinge, die gar nicht existiren, mit Augen gesehen

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