Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 256 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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256 War er freigebig im Uebermaß, lieh Völkern und Gewalthabern und verlangte auch gar nicht strenge Rechenschaft vom ihnen. Liquidirte er dann bei der Regierung seine Forderungen, fanden auch sie alles in bester Ordnung und ohne jeden Haken. Ihre Tage vergingen ihr unter Gelagen und Lustbarkeiten, in Unterricht, in Studien, die gut bei ihr anschlugen und worin sie Ruhm erntete, besonders in der Kunst des Gesanges, mit dem sie Seelen fesselte. Das alles sagte man ihr ins Gesicht, und wenn man auch in ihrem Vaterhause nicht offen das Gesetz verletzte, kam es denn doch vor, daß. sie am Sabbath ohne ihres Vaters Wissen die Harfe spielte. Oder sie war christlicherseits zn einer Festlichkeit geladen und ftagte nicht viel, ob das Fleisch auch rituell eingesalzen worden, wie sie auch nicht gewissenhaft sich davon überzeugte, ob dev Partner im Tanz ihres Glaubens sei. Auch davon wußte ihr Vater nichts, klärte ihn niemand auf; denn alles im Hause wußte, daß, wer sich so etwas unterfing, vom Hausvater mehr zu erwarten hatte, als ihm lieb war. So geschah es einst, als einer aus der Familie, ein ftommer Mann der Talmudlehre, den Söhnen, den Mädchen etwas als gegen die Religion verwies. Gleich war er draußen und kam nie wieder ins Haus. O Mardochai Eger war gar ftomm, aber wie er von seinen Geschäften niemandem Rechenschaft gab, so rechnete er es auch jedem als unverzeihliche Sünde an, der sich zwischen ihn und seinen Gott einzumischen wagte. Und so fühlte seine Tochter in ihren Wädchenjähren im Vaterhausenicht die geringste Beengung, und nur aus Liebe zum Vater und aus Achtung vor ihm verschloß sie ihr Ohr dem Liebesgeflüster ihrer vielen Eroberungen, die alle hoch und theuer schwuren, sie müßten sterben aus Liebesgram, wenn sie nicht mit einem Worte sie erlöste. . . . Beim Schwiegervater jedoch fühlte sie überall Schrecken, dort wachten offene Augen über den Wandel eines jeden im Hause, über Vater und Kinder. Sie hätte auch gewiß bald Abhilfe geschafft, wenn sie nicht ihren Mann so sehr liebte, den Christen an Wohlgestalt, den unvergleichlich vernünftigsten unter allen Männern, die sie gesehen. Dieser trug sie auf Händen und tröstete sie im Stillen mit dem baldigen Ende dieser Gefangenschaft, da er bald sein eigenes Haus aufzurichten gedachte, wo sie niemand über-