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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 255

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Hass und Rache
Date
1898-01-01
Page
255 (sequence 28)
Language
German
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255 tit die beiden Handflächen und saß lange besinnungslos da. Gedanken und Empfindungen wogten zahllos in ihm, aber alles wie verschleiert, er erkannte nichts. Er fühlte tiefen Schmerz und Seelenqual. Ob des Vaters Wunden, der Verlust seines häuslichen Herdes es ihm angethan, ob die so schreckliche Auslegung seines Traumes von der Einigung der beiden Glaubensbekenntnisse, nicht wie er es gewollt, sondern wie jene, die er meist seinem Volke als Muster hingestellt, ob Reue an ihm nagte, weil er die Warnung der Einsüchtigen nicht beachtet; ob Scham über seinen Vater, der anderen Sinnes geworden, wie ein Weib verzweifelte, nicht mehr den Muth hatte, vorwärts zu gehen, sondern erschrocken zurückwich und wie ein fanatischer Finsterling redete — er wußte es nicht, wollte es auch damals nicht wissen. In ihm jagte eins das andere, seine Entwürfe flatterten in wilder Flucht über sein Antlitz, keinen konnte er fest ins Auge fassen; nur eins suhlte er: Das Herz that ihm weh, der Körper schmerzte ihn, wie zerschlagen von jenen Geschehnissen. Allmählich aber beruhigte sich sein Gemüth; in die Vergangenheit blickend, gingen in Wechselbildern sein Vaterhaus und was darin einst lebte, alle Jugend-Erinnerungen und sogar die Zeiten vor seiner Gehurt gingen an ihm vorüber. Denn oft hatte er seine -Eltern in seiner Knabenzeit ihr Vorleben erzählen hören und es hatte sich, als ob er's erlebt, tief in ihm eingegraben. Das Haus seines alten Großvaters, das größte und schönste der Stadt, und sein alter Großvater selbst stand lebendig vor ihm — ein hochgewachsener Mann, mit tief herabwallendem Bart und sanfter einnehmender Ruhe, bei dem Jud' und Christ sich Raches erholten und Hilfe begehrten und die chm -alle anhingen bis auf seine Stiefmutter, die in seinem Hause kein Behagen fand, wie sie es zeitweilig selber gestanden, weil er von strenggläubiger Gottesfurcht war und in seinem Hause das -ganze Ceremonial und Ritual mit allen seinen Geboten und Verboten in vollster Blüthe standen. Das fühlte die schöne Frau aus reichem Hause als harten Druck. Bei ihrem Vater beugten Fürsten das Knie vor ihr, sie wuchs in Reichchum und hoher Ehre auf, Adelige und begüterte Freiherren waren ihre Hausgenossen. Ihr Vater baute für die Regierung und stand mit dem Ministern immer im innigsten Verkehr. Dabei

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