Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 254 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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— 254 — Angst der Unschuld vor mir, ich sah, daß es keine Menschen bei uns giebt, Bestien sind's, so man nur ihren Käfig öffnet. Meine ganze Lebenshoffnung und Lebensaufgabe, Jud' und Christ näher zu bringen, ist im Schlamm von Mord und Unzucht erstickt; denn vermöchten wir auch, eine solche Annäherung zu Stande zu bringen, wir dürften es nicht, denn Raubthiere wären dann unsere Freunde, Drachen unsere Brüder. Nicht nur Proletariat und Gesindel war dabei, auch Bürger, auch Adelige in Menge; der Mann, der Rähel's Schmuck geraubt, ist von hohem Hause, den ich kenne, wie Du ihn erkennen würdest. Nicht der Verlust von Haus und Vermögen, nicht Ehre und Einfluß, die mit mir zu nichte geworden, grämen mich, das kommt ja alles im Leben vor! Daß aber all das im Straßenraub ungestraft von Leuten verübt werden konnte, denen ich mein ganzes Leben gewecht, sie Brüder nennen zu dürfen, das kann ich nicht verschmerzen. Meine Ideale sind für immer zerstört. — Bis zum heutigen Tag hatte ich ein festes Ziel vor Augen; jetzt aber seh' ich's ein, daß es Blendwerk war. Von diesem Schmerz erhole ich mich nicht mehr. Der Trost und die Rechtfertigung ftüherer christlicher Freunde sind sehr dürfüg, leidige, mir nur allzubekannte Lüge und Heuchelei. Tröste Dich, mein Sohn! In kurzem bin ich wieder hergestellt, dann berufen wir Dich vielleicht zu uns und wir gehen zusammen ins Ausland, um wieder ein bischen Athem zu schöpfen." Von Grauen überrieselt nahm sich Hagrowicz, als er ausgelesen hatte, beim Kopf, wie einer, der in seine Wohnung kommt und sie einen Raub der Flamme findet. Wie einer, bei dem es nicht richtig ist, rannte er im Zimmer hin und her, vergaß für einen Moment sogar die Hausftau mit ihrer Ordnungsliebe, trampelte auf dem schönen Teppich und auf dem erst gestern spiegelblank gewichsten Fußboden; auch den vielen Hausrath auf dem Tische ließ er nicht in Ruhe, nahm jetzt ein Gefäß und betrachtete es genau und stellte es anderswo hin, als hätte er keine andere Absicht, als alles im Zimmer von unterst zu oberst zu kehren. Plötzlich, wie über sich selbst erschrocken, schloß er die Thür ab, setzte sich nieder, setzte die Ellenbogen auf den Tisch und drückte das Gesicht