Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 253 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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253 Dach ist abgedeckt. Für jetzt wohnen wir, ich, Deine Mutter und Deine Schwester, beim Großvater, gegen den sich keine Hand rührt. Er, sagten sie, habe niemandem etwas zu leide gethan, im Gegentheil armen Christen viel Gutes erwiesen. Durch ihn würden manche mit ihren Häusern verschont. Denn unerschrocken ging er mitten in der Verwüstung hin und her und redete den Mordgesellen zu, nicht alles zu Grunde zu richten. Und so oft er ihnen zurief: „Nehmet doch dieses lieber'für Euch, als das ihr es verwüstet und niemand etwas besser hat," riefen sie hurrah! nahmen, was sie nur nehmen konnten und ließen das Uebrige stehen. Und erst nach zwei vollen Tagen, als nichts mehr da war zu verwüsten und die Räuber müde geworden waren, sah man bewaffnete Polizei und Soldaten auf den Straßen, um die Ruhe wieder herzustellen. „Was soll ich dir noch schreiben, mein Kind? Du fühlst gewiß, was ich fühlte, als ich meine Brüder, 20 000 Menschen, darunter Frauen und kleine Kinder, buchstäblich in den Koth treten sah, mein Weib, meine Kleinen wie Thiere kn den Keller gesperrt, ohne Licht, Matratze, Decke, Essen und Trinken, meine Tochter in der Hand von Mördern, die ihr den Schmuck und fast auch die Ehre raubten, mein Hans auf den Grund zerstört und alle Habe unwiederbringlich dahin, mich selbst, in der Gewalt von Todtschlägern, deren Mitleid ich wahrlich mein Leben nicht zu danken habe. Doch all dies ist noch nichts gegen mein schauderndes Entsetzen beim Anblick der Räuber und Plünderer, die baarhanpt, die Blöße nur mit Hemd und Hose bedeckt, mit weit vorgerecktem Hals, im Laufschritt entblößten Arms zu Hunderten dahergingen, hurrah brüllend, als ging's zur Plünderung einer eben im Sturm eingenoinmenen Festung, Mord, Blut und Rausch ans dem Antlitz stierend, die Augen wie Raubthiere blutunterlaufen und vor ihnen hergejagt von Haus zu Haus, von Straße zu Straße Schaaren Unschuldiger, Angst und Schrecken im Gesichte — ein Bild, wie es die Hölle selbst so scheußlich nicht malen könnte; alles Edle, alles Heilige erbarmungslos niedergetreten, zarte Mädchen vor ihren Eltern erdrosselt. Dieser Anblick hat mich vollends niedergeschmettert; denn ich sah nicht nur Räuber und Mörder, nicht nur Hohn des Rechts und die