Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 250 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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250 den allgemeinen Frieden erleben, Jud' und Christ vollständig geeinigt, die Unglückspropheten aber werden sich vor Scham verstecken. Denn vor-, nicht rückwärts geht die Zeit, Intelligenz ist ihre Führerin, die aller Hindernisse spottet. Nein, nein! ich gehe nicht hin. Man soll es mir einst nachrühmen, daß ich mich diesen Rückschrittlern nicht angeschlosscn habe." Und während er sich so im Wortbruche bestärkte, brachte der Postbote die zwei Briefe. „Von den Eltern!" rief er tröstlich aus; „sie begrüßen mich zum Feste, sie feiern es doppelt, jüdisch und christlich. Es ist eine Rücksicht auf Großpapa, mich aber grüßen sie zum christlichen Feiertag." In diesen Gedanken erbrach er das Couvert und entsetzte sich gleich über die ersten Worte: „Das Telegramm hat dich sicherlich erschreckt, doch kann ich Nichts dafür." Das Telegramm? ich bekam ja keins! rief er erstaunt und las weiter: „Ich habe cs nicht aufgegeben, und dachte: Schlimm genug, wenn Du die Sache seinerzeit erfährst. Aber viele drangen in mich, dich unsre Noth so rasch als möglich wissen zu lassen, damit Du es in den Journalen bald veröffentlichst. Auch haben wir selbst es an uns freundlich gesinnte Blätter gesandt, und Du weißt wohl schon alles. Ja, mein Sohn! schlimm, sehr schlimm steht cs um uns, alle unsere Hoffnungen sind zu schänden geworden. Durch den Telegraph haben wir es Dich doch nicht wissen lassen, aus Furcht, man könnte es inhibieren. Brieflich will ich es aber versuchen, vor Dir ein Gemälde zu entrollen, dessen bloßer Anblick tödtlich ist. Am ersten Feiertag vernehmen wir, das Volk habe vor, sich zu unserer Vernichtung zu erheben. Alles zitterte. Wir spotteten ihrer und ihrer Feigheit, beschlossen jedoch auf Anträge der meisten Stadtbewohner, zum Kreishauptmann zu gehen und ihn um Schutz zu ersuchen. Natürlich stand ich an der Spitze der Deputation. Aber wie erschrak ich, wie schämte ich mich, da er uns erst eine volle Stunde warten ließ und dann, als man uns in sein Kabinet hereingebracht, mich ansah, als kannte er mich nicht, er, der erst vor einigen Tagen an meiner Tafel gesessen und vorgestern Karten mit mir gespielt. Ruhig blieb er stehen und fragte verdrießlich: „Was wollet Ihr?" Mir verschlug es dennoch bei dieser Ansprache, und erst nach einigen Sekunden nahm ich