Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 247 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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247 eigentlich völlig fremde Haus hatte er, seit er hier wonte, äußerst lieb gewonnen — da, vor einer Stunde brachte der Postbote zwei Briefe, die alles um ihn herum verwandelten. Freilich nur in seiner Phantasie, sonst war ja alles unverändert. Nun aber belehrte chn ein Blick in den Spiegel, daß sich sogar sein Antlitz, das er so genau, so eingehend kannte, seine schöne Miene ins Gegentheil verzerrt hatte — was war es denn? Seit er vor vier Jahren die Universität in der Residenz bezogen hatte, lebte er hier. Die Hausfrau, eine noch schöne Dreißigerin, eine Generalswittwe, hatte ihn lieb gewonnen, nicht nur weil Gestalt, Gang und Bewegung an ihm einnehmend waren, sondern auch wegen der in seinem Zimmer, wie sie es bei einem Juden gar nicht für möglich gehalten, herrschenden Ordnung und Reinlichkeit. Nein, verbesserte sie sich schnell, um ihn nicht zu kränken, als sie ihm einst sein Lob ins Gesicht sagte, nicht bei einem Juden, bei einem Studenten! Diese seine Liebe für Ordnung und Reinlichkeit und sein dafür eingeerntetes Lob machten ihn erst recht peinlich, auf Ordnung im Zimmer zu halten. Nie rührte er seinen kleinen Hausrath an oder bewegte ihn von der Stelle. Und hatte ihn ein böser Zufall ein Sandkörnchen oder ein Stäubchen ins Zimmer bringen lassen — das kam höchstens einmal im Jahre vor, da er immer geraume Zeit an der Treppenbürste zubrachte — dann schloß er sich im Zimmer ab und reinigte den Fußboden mit dem Taschentuche, bis er wie stüher glänzte. Dies hielt ihn auch ab, Collegen, selbst christliche, zu sich zu laden. Und wollte ihn der eine oder der andere im Hause aufsuchen, war seine beständige Ausflucht: Studenten kommen am besten in der Kneipe zusammen, dort bewegen sie sich frei und brauchen die Ruhe anderer nicht zu stören. Und so hielt er die Collegen vom Hause fern, obwohl er dort nicht als Fremder, sondern als einheimisch angesehen war. Bei jeder Festlichkeit, an jedem Feiertage, den die Hausfrau beging, war er wie ein Kind vom Hause dabei und war nicht nur als erster Gast, sondern wie der Herr des Hauses geachtet. Seinetwegen schaffte sie auch jenen Bojaren ab, der bei ihr wohnte, als er Hagrovicz gereizt und eine schallende Ohrfeige dävongetragen hatte. Diese seine allgemeine Beliebheit freute