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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 243

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Hass und Rache
Date
1898-01-01
Page
243 (sequence 16)
Language
German
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243 allem lauten Jammern und trotzdem er ein- und zweimal das Taschentuch in die Augen drückte und doch nicht im Stande war, auch nur einen Thränentropfen den Anwesenden zu entlocken, da, änderte er mit einem Male Ton und Thema und rief laut: „Der Kleine für Tausend, der Jüngste zu einer großen Nation" (Jef. 60,22). Die kleinen Knaben Israels müssen ins Feld für tausende ihrer Brüder und der Jüngste wird in ein fremdes Land, zu einem großen Volke geschickt, dessen Sprache er nicht versteht. Und als hätte eine Zauberhand jedes Auge berührt, brachen die Thränen hervor und hörte man Seufzen und Wehklagen. Die Weiber fingen zu schreien an, die Männer machten Chorus, denn in der ganzen Versammlung war keiner, dem nicht ein Sohn, ein Bruder rekrutirt worden oder der doch vor der Rekrutirung zitterte. So hatte der Prediger seinen Zweck erreicht, denn alles weinte und wiminerte. So hat uns auch Dein Wort in die Seele getroffen; das ist's ja, was uns täglich bekümmert, das ist ja der Stein des Anstoßes, den wir entfernen möchten; aber das ist noch lange kein Beweis, daß sie uns thätlich angreifen, wie sie es mit Worten thun. Gab es doch noch viel furchtbarere Zeiten, Zeiten, da wir uns in keinem christlichen Hause blicken lassen durften, wo man uns allzusammen verabscheute, ohne zwischen Gebildeten und Ungebildeten, Guten und Schlechten zu unterscheiden. Seit einigen Jahren jedoch ist dies anders geworden, auch wir sangen an, Stellung im Leben zu finden, einige von uns haben sie längst gesunden, werden anerkannt, keiner zischelt chnen ins Ohr: Herunter und fort mit Euch! Jene Schmähschriften sind nur ein Rest des furchtbaren Hasses, der wie eine eiserne Wand sich zwischen Jud' und Christ austhürmte. Jetzt ist die Wand gefallen; was blieb, sind nur noch einzelne Steine und Sandgerölle, die uns, wenn der Wind darein fährt, wohl noch in die Augen kommen und den Fuß ins Wanken bringen. Es ist aber übertrieben, zu behaupten, daß diese Steine, dieses Gerölle unseren Feinden zu Angriffswaffen auf unser Leben dienen werden. Wer sich darauf versteht, wird einsehen, daß zuerst die Schranke fiel und an ihrer Stelle eine bloße Ruine blieb, daß mit der Zeit der Wind nach und nach diesen Rest zerstreuen wird, daß endlich hilfteiche Hände und ehrliches

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