Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 238 (sequence 11)
- Language
- German
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238 sie vollkommen recht. Denn ihre Priester, Kirchenväter, Scholastiker und Baumeister haben den Wissensdrang von jeher eingeschränkt und zum Popanz zu machen gesucht, während uns Erkenntniß immer' zur Pflicht gemacht worden ist. Von Urbeginn ist es unfern Hütern anbefohlen, ihre Kinder im Studium des Gesetzes zu unterweisen und ebenso haben sie selbst vom Urbeginn nach Wissen gestrebt.; Denn das Wissen eines Volkes besteht in der Kenntniß seiner Geschichte, der urväterlichen Sitten und dessen, was ihm frommt; dieses Wissen haben sie stets angestrebt, es war gleichsam der Quellpunkt ihres Lebens, ihrer Selbstachtung. An ihnen wahrlich lag es nicht, daß ein neues Geschlecht erstand, welches, das eigene Wissen verschmähend, ein fremdes sich angeeignet. Fehlten unsre Väter, daß ihr eigenes Volk das Centrum ihrer Gedanken und Wünsche war, daß sie dieses vor allem erforschten und wie die anderen Nationen zuerst das Eigene und erst dann das Fremde zu erkennen suchten, oder fehlten wir, die wir unser Volk vergessen, nur unserem Wesen ganz Entgegengesetztes in uns aufzunehmen strebten und alles für Thorheit und Schande hielten, was unser eigenes Volk betrifft? Keiner, der sein Volk liebt, wird es Abfall von der Wissenschaft lehren wollen; thäte er das, so würde er sich am Volk und an dessen Geiste versündigen. Aber er wird dazu mahnen, zuerst Einsicht in das Eigene zu gewinnen, dann aber auch in alles andere, was jeder zu fassen vermag. Thöricht aber wär's, wenn ein Jude dächte:'Der Christ wird meines Wissens wegen mich auszeichnen; wenn er sich der kindischen Hoffnung hingäbe, durch seine Bildung seine Abstammung zu verwischen. Denn nicht den unwissenden Juden verachtet der Christ, sondern den Juden. Besitzt er keine Bildung, so gilt er als verkommen, hat er Wissensschätze gesammelt, so wird es ihm als Verbrechen angerechnet. Haß ftagt nicht nach Recht, Verfolgung nicht nach Gründen, beide nicht nach Wahrheit. Unsere blinden Führer aber nehmen die Worte unserer Feinde für baare Münze, sie haben unser ganzes Volk zu einem falschen Glauben verleitet, zu einem Glauben, schädlicher als der an Hexen und Gespenster, zu dem Glauben an unsere Feinde. An Hexen glauben und uns deshalb von ihnen fernhalten, kann nicht sonderlich schaden, aber