Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 237 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111068-3111213--0259-3111486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
237 Und noch heute verdient er alle Hochachtung als ein Mann, der frei und selbstständig ohne Ansehen der Person seine Meinungen äußert. Das kommt bei uns höchst selten vor und ich wünschte sehr, zu vemehmen, wie jener Mann gegen- Dich sich ausgesprochen." „Dieser Mann belehrte mich so, daß ich in einer einzigen Stunde ein anderer geworden bin. Ihr alle wißt, daß auch ich meinem Volke helfen wollte, wie alle die vielen Helfer, indem sie ihm die Eigenart nehmen oder ihm eine Maske anziehen. In diesem Glauben war ich selig und hielt mich selbst für einen Erlöser und Befreier. Nun ging ich zu ihm, ihn darüber zur Rede zu stellen, weil er anderen Sinnes geworden und die Jugend von der Bildung wieder abwendig macht, für welche er einst so warm gesprochen. Aber wie groß war mein Schrecken, als ich zur Einsicht kommen mußte, daß ich-bis jetzt so sinnlos geredet. So begann ich zu ihm: Du willst also, daß wir unsre alten Wege betreten, uns wieder verbergen und vom Volke absondern, die Bauern wieder an unserem Branntwein sich . einen Rausch antrinken lassen, wir mit Kind und Kegel? Woraus er antwortete: Ich weiß wirklich nicht, was mehr frommt: ob wir uns äbsondern oder sie uns gewaltsam; besser, ob wir unsere Kinder lehren, den Bauern Branntwein zu schänken, oder ihnen die Bauernwissenschaft beizubringen, uns selbst mit Kind und Kegel an Branntwein einen Rausch zu trinken? Wahrlich, an Wissen stehen wir dem Christen nicht nach, auch nicht an Ehrlichkeit, Kraft, Gerechtigkeit und Auftüchtigkeit. Was also fehlt uns noch, um als fremd im Lande angesehen zu werden? Offenbar nur, daß wir nicht ihre Wege gehen und sie uns keine anderen gehen lassen wollen. Dies war seine Antwort, die mir die Rede ganz verschlug; dennoch ermannte ich mich Zu einer Entgegnung und sprach: Aber Du willst doch nicht, daß wir alles bereits erworbene Wissen ausgeben, weil wir keine Ehre dafür eingelegt. Er seufzte, dann antwortete er: So reden sie alle! Aber kehrt nur um, es ist nichts Schlimmes dabei! „Ihr habt keinen Grund stolz zu sein, alle Ehren und Würden nur für Euch in Anspruch zu nehmen, denn der Gedanke der Wissenschaft ist ja ohnedies nur von Euch allein ausgegangen." Wenn die christliche Jugend so spricht, hat