Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 230 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Tausende von Augen eines absterbenden Geschlechtes nicht, erhoben, das chr seinen Platz einräumt, und geht es einst ohne Wiederkehr, dann werden mit ihm, wenn es dies nicht längst selber gethan, seine Hoffnungen begraben. Wer sind sie, die Jünglinge ohne Jugend, die, vor der Zeit gealtert, nur der Noch der Zeit entrinnen, nicht sie bekämpfen wollen? Juden sind es! Dieses Volk verzweifelt längst an seinem Emporkommen, sieht in seiner Jugend nur sich und seine Ahnen, die von der Last des Lebens ruhen — die hoffnungslos tragen, deren jedes nur auf sich und die eigene Rettung bedacht ist und wenn das Unheil da ist, ohne eine Spur davon geht. Nicht besser wird es ihren Nachkommen ergehen, denn was vermag mit der höchsten Kraft ausgestattet, ein Vereinsamter? Irrten die Alten in pfadloser Sandwüste, jedem Vergewaltiger zur Beute, so werden die Jungen, wenn sie auch im Meer der Wissenschaft schwimmen gelernt, in den sich bäumenden Fluthen unter stürmenden Orkanen mit aller Weisheit schmählich untergehen und sich jedenfalls im unendlichen Ocean verlieren. . . . Dieses traurige Lied haben die Väter längst den Kindern vorgesungen, was haben sie also zu hoffen? Jüdische Kinder sind leider keine Landeskinder, aus sie sieht das Volk nicht mit stolzer Beftiedigung. In trüben Zeiten erwartet man von ihnen nichts und in glücklichen Tagen ist man gegen sie zu engherzig. Wofür mühen sie sich also ab, sie, die Fahnenträger des Lebens? Nicht für ihre Eltern, die sich den Schluß von Dante's Höllen-Jnschrift: „Laßt, die ihr herkommt, jede Hoffnung fahren" längst zum Wahlspruch ihrer Existenz gemacht. Nicht für ihre christlichen Mitbürger, denen ihr ganzes Sinnen, Leben und Streben ein Dorn im Auge ist. Statt Ehre ernten sie Schmach, für ihr Wissen Verachtung; treten sie kühn für ihre Ehre ein, werden sie als frech weggestoßen; bescheiden sie sich, so gelten sie als mattherzige Memmen — wo wäre da ein Stützpunkt für sie zu gewinnen? Und doch lebt und stirbt man, auch ohne viel zu denken; Gedanken und Wünsche erheben sich ohne Plan und Ziel im Herzen der Jugend. Auch die hier Versammelten hat jugendlicher Sinn vereinigt; sie sprechen, als wären sie. die Mannen des Volkes, die Zukunft des Jahrhunderts, ja in