Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 229

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Hass und Rache
Date
1898-01-01
Page
229 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3111067-3111068-3111213--0251-3111478
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

229 Tügen scheu zurückgewichen, weil er nicht reussirt. Alle aber, die jahraus und jahrein all ihr Sehnen und Trachten immer schattenhafter verdämmern gesehen, blicken mit erneuter Zuversicht auf die Jugend. An der Schwelle des Grabes erwarten sie von ihren Geisteserben mehr Ausdauer und größeres Glück. Seufzt eine Nation rettungslos unter dem Joche des Siegers, dann sieht sie in den Heranwachsenden Jünglingen die Werkzeuge späterer Rache. Sie selber muß unthätig bleiben, sie erstickt den Schrei tiefinnerster Empörung, denn des Bedrückers Uebermacht läßt sie für die Familie, für die wehrlosen Frauen und Kinder fürchten, die es entgelten möchten. In der Jugend aber sieht sie ihren Racheengel; die hat nicht Weib noch Kind, die bebt vor nichts zurück, die bringt höchstens sich selbst zum Opfer. Aber auch ein glückliches Volk ohne Tyrannei von innen und bedräuhende äußere Feinde baut auf die Jugend, die es um einen Schritt vorwärts bringen werde. So ist einmal das Lebensgesetz, daß aus Tod und Vergänglichkeit ein neuer Quell überströmender Lebenskraft entspringt. Das fühlt denn auch der Jüngling, chm schwillt das Herz und gährt wie junger Most allem Großen entgegen; von jedem erhabenen Ausspruch mächtig angezogen, traut er sich das Außerordentlichste zu, schwebt auf. Geistesflügeln unbehindert nach endlosen Weltenfernen, denn freilich fühlt er noch die beengenden. Ketten von Zeit und Raum nicht, noch haben' ihm Unfälle den mühseligen langen Weg nicht verbittert, getäuschte Hoffnung noch die stolze Erwartung nicht betrogen; noch hat die Lebenserfahrung sein bohrendes Auge nicht getrübt. Auch hier hat eine lebens- und hoffnungsvolle Jugend sich versammelt,, sie ist tief erregt und wechselt begeisterte Reden. Und doch ist's ganz anders, wie bei der sonstigen Jugend. Da fft nichts von großen Worten, von stolzer Zuversicht zu hören, liest man auch auf jedem Antlitz Thatenlust und Begier, sich aufzuopfern, die Bereitwilligkeit, alle die Wunder zu verrichten, die das Volk von der Jugend erwartet. Aber auch das ist deutlich an ihren Mienen zu erkennen, daß ein gedrückter Geist auf dieser Jugend lastet. Sie kennt ihr trauriges Schicksal: ihr vertraut Niemand, zu ihr sind die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.