Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Drei Gedichte
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 219 (sequence 4)
- Language
- German
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219 Wohl hätten Antwort wir auf Deine Frage! Doch nimmer aus dem Grab vergangner Tage Ruf' ich die schaurige herbei! Nur Eines künd' ich Dir: Wer so entblättert. Gebrochen und zerstückt ward und zerschmettert. Bleibt ihm ein andres — als der Schrei? Der Schrei, er leitet Dich durch tausend Jahre, Ihn hörst Du aus der Weltgeschichte Blatt, Du kannst ihm nicht entgehen — denn er hat Begleitet von der Wieg' uns bis zur Bahre! Kann singen, wer mit blutig flüchtigen Sohlen Zaghaft und scheu, von Angst gehetzt, verstohlen Sich schleichet durch der Völker Land? Kann singen, wer nicht sein nennt eine Stätte, An dessen Schlummerpfühl, an dessen Bette, Die Angst der Sorge reicht die Hand? Kann singen, wer inmitten steht der Dränger, Kommt, wenn die Seele offen nicht und frei. Des Liedes zaubervolle Melodei? O sag' es mir: Ist der ein Sänger? Doch . ., hör' ich nicht melodisch weiche Töne? . . . Vernehm' ich recht? Seid ihr es nicht, ihr Söhne Des Volks, das einst gesungen in Zion? Ihr singt? . . . Ihr habt den alten Bann entsiegelt. Daß eure Seele frei und wie geflügelt Sich wiederfand im längstvergessnen Ton? Dann ist sie ja vorbei die Nacht, die trübe. Ihr singt? dann kann das Helle Licht Des Tages hinter Wolken säumen nicht. Denn Sang ist Lust, denn Sang ist Liebe! Ja Lust und Liebe! weil in milder Klarheit Aus dunklem Irrwahn tagt die ew'ge Wahrheit Vom menscheneinigenden Bruderthum'