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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 214

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die jüdische Gesellschaft Berlins im 18. Jahrhundert
Date
1898-01-01
Page
214 (sequence 25)
Language
German
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— 214 — Schranken, welche Standes- und Glaubensunterschiede sonst ziehen, schienen verschwunden; reine Menschenverbrüderung war eingetreten. Schon längst hatte man an dem Hausherrn eine Unruhe bemerkt; nach einiger Zeit war er verschwunden. In das Summen der erstaunten Gesellschaft klang zuerst leiser, dann immer vernehmlicher, bald klagend, bald aufjauchzend ein eigenthümlicher Ton: Mendelssohn war mit den Seinen beschäftigt, den Sabbathausgang zu begehen. Und als eine Stille in der Gesellschaft eingetreten war, in ihr die eben noch auf den Höhen der Menschheit geweilt hatte, da hörte man aus dem Nebenzimmer den lauten Ruf: „Laß Israel in seiner Arbeit, in seinem Ringen nicht ermatten, laß es nicht zu Schanden werden, laß es zunehmen an Erkenntniß, daß es in Deinem Lichte wandle! Schon lange Zeit wandert es einher auf mühsamer Pilgerfahrt. Doch Du bist ihm ein treuer Erlöser, hast es erhalten, daß es in jugendlicher Kraft und mit immer neuem Muthe seinen Weg fortsetzt. So wirst Du auch uns zur Seite stehen, uns ein Helfer und Erretter sein, uns mit Freuden im Herzen und Frieden im Hause beglücken, auf daß wir am Ende der Woche mit fteudigem Danke auf dieselbe zurückschauen". — Als Mendelssohn wieder zu den Freunden zurückkehrte, herrschte bei ihnen heilige Stille. Man hatte den Philosophen bewundert, nun sah man mit Ehrfurcht auf den eifervollen Juden, der mit Treue und Innigkeit an seinen Gebräuchen festhielt, der selbst in die einfachsten Worte etwas Weihevolles zu legen wußte. Als sich die Fremden entfernten, nahmen sie den Eindruck mit sich, etwas Höheres mitangeschaut zu haben. Und noch ein anderes Bild aus dem Mendelssohn'schen Hause: Es ist Freitag Abend. Schon sitzen Hausherr und Hausftau mit ihren Kindern bereit, um den Sabbath zu grüßen; noch fehlen zwei Söhne. Da stürmen sie herein, und der eine klagt, um dem strafenden Blick des Vaters zu antworten: „Was ruft uns jener Bursche nach? Was werfen sie mit Steinen hinter uns her? Was haben wir ihnen gethan?" Und der andere ruft: „Ja, sie verfolgen uns immer auf der Straße und schimpfen: Jude! Jude! Ist denn dieses so ein Schimpf bei den Leuten, Jude zu sein?" Der Vater schüttelte sorgenvoll sein Haupt, aber er antwortete nicht. Nach kurzem

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