Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die jüdische Gesellschaft Berlins im 18. Jahrhundert
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 209 (sequence 20)
- Language
- German
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209 Die Briefe Mendelssohns sind die Briefe eines ernsten Mannes an ein junges Mädchen, dem er ohne Leidenschaft entgegentritt. Er hat das Bewußtsein, ernste Pflichten auf sich zu nehmen, und will die von ihm Gewählte in diese Pflichten einweihen. Daher enthalten die Briefe manches Geschäftliche, und Vieles, was sich auf die zukünftige Einrichtung des Hauses bezieht. Aber es kommen auch Notizen über die Gestaltung der politischen Verhältnisse, einzelne Nachrichten über den Krieg, den Friedensschluß und die damalige öffentliche Stimmung Berlins vor. Häufiger sind literarische Notizen. Mendelssohn sucht zu erwirken, daß seine Braut philosophische Bücher lese, französischen Unterricht erhalte und sucht von der Ferne aus ihre Lektüre zu bestimmen, empfiehlt ihr den Philosophen Shastesbury, spricht seltener über neue dichterische Erzeugnisse und sendet einmal eines seiner Werke mit sehr bescheidenen Aeußerungen über den Verfasser. Neben den Briefen an die Braut gehen solche an die Mutter, und es ist natürlich, daß die ernsteren Lebensftagen in den Briefen an die letztere erörtert werden. So erfahren wir z. B., daß Mendelssohn eine ansehnliche Stelle bei dem Münznnternehmer Beitel Ephraim, einem Schwager der schon erwähnten Frau Bernhard, angeboten, aber von ihm abgelehnt worden war. Es scheint, daß die Schwiegermutter ihn darüber Vorwürfe gemacht hat. Er antwortete darauf in folgender Weise: „Liebe Madame dies kann ich nicht. Ich kann so wenig wie Sie ernten, was ich nicht gesäet habe. Soll ich von der Freundschaft der Vornehmen Vortheil ziehen? Wer den Schritt thun will muß kriechend sein; wenn ich es wäre, so wäre ich unwürdig Ihr zukünftiger Schwiegersohn zu heißen." Und in ähnlichem Zusammenhänge schreibt er an seine Braut: .... „bei mir ist es eine ausgemachte Sache, unsere Reichen sind zu keiner Freundschaft aufgelegt. Man muß auch auf keinen anderen Fuß mit ihnen leben als mit guten Bekannten. Aber zur Freundschaft gehört ein Mittelstand. Soll ich es ihnen gestehen? Sie, meine liebe Frommet, Wären lange so liebenswerch nicht, wenn Sie Gott in Ihren brillanten Stand gelassen hätte." 14