Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die jüdische Gesellschaft Berlins im 18. Jahrhundert
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 208 (sequence 19)
- Language
- German
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208 wollte und davor habe ich in meinen Gedanken schon Anstalten gemacht. Die mich bei meinem Leben glücklich macht, soll nach meinem Tode nicht ganz elend sein. Allein welches Recht hat ihr Vater, hierin Gesetze vorzuschreiben? Die Summe der Mitgift wird nur pro forma eingeschrieben und wegen der Gegenverschreibung will man mir nicht einmal das Vergnügen lassen frei zu sein? Können Sie das billigen, liebe Madam? Können Sie das billigen, theuerste Fromm? Ich kann mich aus Ihre vernünftige Denkungsart berufen, denn Sie können unmöglich so gemein denken, eine solche Prätension zu machen oder eine solche Vorsorge für nöthig halten. Man lasse mir die Freiheit, so werde ich nach meinen Grundsätzen handeln; diese werden mich schon lehren, wie ich für meine andere Hälfte sorgen muß." Diese kurze Stelle giebt vielleicht eine Vorstellung von dem Ton des Briefes. Die Mutter wird stets mit liebe Madame, die Tochter häufig mit ihrem Vornamen, häufiger als Fräulein, beide immer mit „Sie" angeredet. Die Sprache der Briefe bietet eine seltsame Mischung von deutsch, hebräisch und französisch. Jeden Augenblick begegnen wir hebräischen Formeln, bei der Erwähnung von Tagen „der zum guten kommen möge"; bei Aufführung von Personen „sein Licht leuchte" oder „der leben soll" oder Verstorbener „sein Andenken zum Segen", und sehr vieles andere. Die Feste werden durchaus mit ihren hebräischen Bezeichnungen gegeben. Hebräische Glückwünsche und Segensformeln durchziehen die Briefe, auch außerordentlich viele jüdisch-deutsche Ausdrücke kommen vor, z. B. „poel sein" — thun, „Jomtow halten" — Feiertag begehen. Sehr merkwürdig aber ist die starke Mischung mit französischen Ausdrücken. Man sieht aus diesem einen Beispiel, wie durchaus französirt die Bildung des damaligen Berlin war, z. B. Modesten oder Einfügung französischer Worte, wie Dessin, Etablissement, derangirt u. s. w. oder ralliren, Jalousie und viele andere. Manchmal kommen geradezu Formen vor, die man als Uebersetzungen aus dem Französischen auffassen möchte, z. B. der Satz: „sie ist sehr wenig auf ihre Versprechungen zu verlassen" und Aehnliches. Aber auch im Gebrauch des Deutschen findet sich mancher Fehler. Präpositionen und Adjective werden . mit falschem Casus verbunden. M. schreibt z. B. „für ihm" oder „für seinem Alter", „gegen Ihnen", „ich gratulire ihm" und vieles Aehnliche.