Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die jüdische Gesellschaft Berlins im 18. Jahrhundert
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 205 (sequence 16)
- Language
- German
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205 nisten in Mendelssohn's Schriften, ihm die gebührende geschichtliche Stellung anweisen, so muß er mancherlei bedenken.-Zunächst, daß Mendelssohn kein unabhängiger Schriftsteller, sondern ein vielbeschäftigter Kaufmann war, der seinem Berufe die zum Studium und zur Schriftstellerei nöthige Muße «bringen mußte; sodann, daß er Zeitlebens mit der deutschen Sprache zu kämpfen hatte, wie man namentlich aus den vielen Nachlässigkeiten und Unrichtigkeiten seiner vertrauten Briefe erkennt, da er in seiner Jugend diese Sprache als eine fremde angesehen hatte. Aber nicht blos mit der Sprache führte M. einen Kampf, sondern auch mit den Gegenständen, über die er schrieb. Er war ein scheuer, vorsichtiger Mann, der nach langem Ringen erst zu einer Anschauung gelangte und dann doch nicht den Muth hatte, diese unentwegt festzuhalten. Er war nicht zum Kämpfer geboren. Er scheute vor jeder rücksichtslosen Entschiedenheit zurück, oder, wie Lessing es schonend ausdrückte, er wünschte, „etwas Gutes an etwas Schlechtem zu entdecken". Der Satz, den er in seiner ersten Schrift aussprach: „Es hat vielleicht noch nie ein System gegeben, das aus lauter falschen Grundsätzen bestanden hat," machte ihm eine energische, vor nichts zurückschreckende Bekämpfung des Gegners unmöglich. Auf der einen Seite fürchtete er, durch Bekennen oder selbst durch Dulden extremer Ansichten die Aufklärung zu gefährden, deren glühender Verehrer er war; auf der anderen trug er Bedenken, seine leicht empfindlichen Glaubensgenossen, deren Befreiung aus geistiger, leiblicher und sittlicher Noth sein sehnsüchtiges Verlangen war, in ihren Gefühlen und Vorurtheilen zu verletzen. Darum war er kühnen Neuerern ebenso abgeneigt, wie Vertretern des alten Standpunktes und verdarb es mit beiden. Trat ein energischer Umstürzler bei ihm ein, wie jener von Chamisso so schön geschilderte Abba Gloß Leczeka, und forderte von ihm mit heiligem Zorn, des Aberglaubens Schleier zu zerreißen, dann empfing er von dem Weisen den Rath, zu schweigen und im Stillen zu forschen, das Korn der Furche der Zeiten anzuvertrauen, damit der Enkel einst die goldenen Saaten erblicke. Mendelssohn war ein weiser und guter Mensch. Aus dürftigen Verhältnissen erhob er sich zu Wohlstand und nutzte sein Vermögen, indem er anderen spendete. Er war von einer Wohlthätigkeit und Gastfreiheit ohne Grenzen. Sein Haus