Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die jüdische Gesellschaft Berlins im 18. Jahrhundert
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 199 (sequence 10)
- Language
- German
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199 Aufklärung bei den Juden außer dem auch hier nolhwendigen Kampfe gegen die Vorurtheile, Unsitten und Mißbräuche hauptsächlich darin, die Juden zur Theilnahme an der allgemeinen Gesittung und zur Annahme deutscher Bildung zu veranlassen. Der praktische Zug, der in der allgemeinen Aufklärung sich zeigte, trat in dieser jüdischen besonders hervor. Außer den Wohlthätigkeitsanstalten, die damals wie zu allen Zeiten von den Begüterten ins Leben gerufen wurden, gab es damals besonders Versuche, durch Schulen die Erziehung der Jugend, durch Druckereien die Bildung der Aelteren zu begründen und zu vermehren. Nicht alle Männer, die in jener Zeit und Gesellschaft eine Bedeutung erlangten, können hier charakterisirt werden. Zwei wie Isaak Euchel, der Wiederhersteller der hebräischen Prosa, und Hartwig Wessely, ein Meister der hebräischen Poesie, der aber auch gelegentlich in großen Zeitfragen schöne prosaische Worte zu sagen wußte, mögen sich mit kurzer Nennung ihres Namens begnügen. Von vier Schriftstellern muß etwas ausführlicher die Rede, sein: Salomon Maimon, Lazarus Bendavid, Markus Herz, David Friedländer. Bei Maimon könnte man zweifeln, ob er zu den Berlinern zu rechnen sei. Aber gerade diese Wandervögel aus einer anderen Welt, die gleich ihm sich nirgendwo fixirten, aber da, wo sie wie im Sturme erschienen, Alles aufzurütteln und zu erregen wußten, bilden einen integrirenden Theil der damaligen Berliner Gesellschaft. Maimon gehörte zu den Stürmern und Drängern, die nirgends Ruhe fanden und auch zu innerer Ruhe nicht gelangten. Er war ein großer Talmudist, der zugleich die jüdische Geheimlehre der Kabbala sich zu eigen zu machen suchte und erst von ihr abließ, nachdem er ihren Trug erkannt hatte. Er mußte aus seiner Heimath Polnisch- Litthauen beschwerliche Reisen unternehmen, um deutsche Bücher zu erlangen, er studirte jüdische philosophische Schriften, um zu reinerer philosophischer Erkenntniß, zu freierer Auffassung des Judenthums und der Religion überhaupt zu gelangen. Er war viermal auf kürzere Zeit in Berlin, von Mendelssohn und den Seinen herangezogen und dann fallen gelassen, aufs neue unterstützt und dann endgültig verstoßen. Er war ein gewaltiger Geist, der nirgends Ruhe hatte und mit keiner Lehre, auch nicht mit seinen eigenen Arbeiten zufrieden war, vor keinen Konsequenzen zurückschreckte und Nie-