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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 197

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die jüdische Gesellschaft Berlins im 18. Jahrhundert
Date
1898-01-01
Page
197 (sequence 8)
Language
German
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197 Jüdinnen gegenüber mehr seinen Sinn für Schönheit als seinen religiösen Standpunkt geltend machte, hegte für Marianne zeitweilig zartere Gefühle und ließ sich von ihr und Sara Huldigungen und Geschenke gern gefallen. Aus den Briefen beider Frauen, die neuerdings bekannt gemacht worden sind, mag der folgende hier mitgetheilt werden, etwa 1800, weil er ein Stimmungsbild aus der Berliner Gesellschaft giebt, mancherlei über Mendelssohn und Lessing mittheilt, das freilich in der regen Phantasie der Briesschreiberin eine von der Wirklichkeit etwas abweichende Darstellung erlangt hat. Der Brief lautet: „Ich war im 13. Jahre, als ich einen empfindsamen Roman mit einem Hamburger Kaufmannssohn, einem sehr hübschen, guten und unterrichteten sungen Menschen, hatte. Einst schickte er mir den Trost der unglücklich Liebenden, den göttlichen Werther; nachdem ich ihn verschlungen, schickte ich ihn mit 1000 unterstrichenen Stellen und einem sehr glühenden Billet zurück. Diese Depesche ward von meinem theuren Vater aufgefangen, ich bekam Stubenarrest und Mendelssohn, der mein Mentor war, erschien und machte mir bittere Vorwürfe, ob ich Gott und Religion vergessen könnte, nahm den lieben W., das unschuldige oorpu8 delicti, und warf ihn (nachdem er mir über jede angestrichene Stelle wacker den Text gelesen) aus dem Fenster. Der Gram, zum ersten Male von meinem Vater so begegnet worden HU sein, der Aerger über Mendelssohns Gemeinheit, meine Liebe zu ■ dem jungen Mann, den ich nie wieder sah, gaben mir einen harten Stoß. Ich fing an Blut zu speien, die Desolation meines ewig geliebten Vaters war groß. In dieser Zeit kam Lessing zum Besuch nach Berlin, er der mich väterlich liebte, mich immer zu unterrichten gesucht hatte, wo ihm mein unfähiger Geist nicht im Wege war, erschrak über meine Blässe und frug ängstlich nach der Ursache meines Kummers. Außer sich über meine Erzählung, bot er mir seinen Schutz an, im Fall ich den jungen Menschen heiruthen wollte (welches ich aber nicht mochte, die vielen Leiden, die ich um ihn erduldet, hatten mein heißes Gefühl, das wohl nicht ganz ächt war, wie ich jetzt fühle, ganz erkaltet), war indignirt gegen Mendelssohn und brachte mir ein ander Exemplar von Werther <das ich aber lange nicht ohne Schauer ansah), sagte mir alles, was er darüber dachte, welchen Apparat er darin gesunden. „Du wirst einst erst fühlen," sagte er, „was für ein

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