Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die jüdische Gesellschaft Berlins im 18. Jahrhundert
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 194 (sequence 5)
- Language
- German
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194 was gewöhnlich nur dann geschah, wenn ich über leichten Scherz empfindlich ward — dann sagte er wohl: ,,Sie sollen das doch vertragen können". Einer der späteren Gäste ihres Hauses, der lieber lobte als tadelte, hat in einer erst jüngst bekannt gewordenen Stelle 1812 folgende Schilderung von ihr gegeben: „Madam Herz habe ich nach 5 Jahren endlich wiederbesehen. Ich fand sie in den fünfen wenigstens um zehn alter geworden an Körper, und an Seele um dreißig jünger. Ein zaghaft kindisch Wesen, dem keine Erfahrung etwas genutzt hat, weder der Aufenthalt in Rügen und Wien noch die französische Revolution, weder die Verheiratung Schleiermachers noch der Brand in Moskau. Es ist ganz lächerlich, neben solch unreifer Grüne die Welkheit des Ueberreifen zu sehen." Doch mag man noch soviel an ihrer geistigen Unreife zu tadeln haben, ihre sittliche Reife ist über alle Zweifel erhaben. Die Hoheit, mit der sie neben Schleiermacher lebt, der Ernst, mit dem sie den stürmischen Börne abweist, ehren sie in gleicher Weise, und am meisten spricht für sie die unermüdliche Thätigkeit, mit der sie als Wittwe und in den schlimmen Zeiten persönlicher und allgemeiner Not niemals verzweifelnd ihre Thatkraft bewährt, und selber ohne große Hülfsquellen, erfinderisch Anderen Hülfe verschafft: „eine Frau voll praktischen Talents, das bis zur Unersättlichkeit geht", so hat Schleiermacher sie charakterisirt. Und sie selbst hat dem jungen Börne einmal das ernste und treffende Wort zugerufen: „Man muß sich entweder umbringen oder alles sein, was man nach seinen Kräften sein kann; und hat man einmal den Mut zum Ersten nicht, so muß man ihn zum Letzten haben und es ist ein großer Genuß dabei." Sucht man indessen ihr geistiges Bild festzuhalten, so fällt dem Betrachter das Wort der Rahel ein: „Madam Herz lebt geputzt, ohne zu wiffen, daß man sich ausziehen kann und wie Einem dann ist". Die eben erwähnte Rahel Lewin, eigentlich Friederike Robert, seit 1814 die Frau Varnhagens von Ense, ist die geistig bedeutendste Frau des damaligen Berlin. Sie war eine Frau, deren Geist so groß war wie ihr Herz, voll Thatkraft und Nachdenken, voll Leidenschaft, die sie gelegentlich auch irreführte, voll praktischer Sorge für die Ihren und von starkem Gefühle für das Vaterland beseelt. Sie hätte bei größerer Selbstzucht und reicherer Muße gewiß