Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die mittelhochdeutsche Sprache bei den Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 178 (sequence 17)
- Language
- German
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178 „Gottwilche, Gottwilkem, gotticum skolcoum" heute noch erhalten, wobei weder Grimm noch Schweller ahnen konnten, daß noch heute unter den Juden des Ostens zum großen Theile diese Begrüßungsformel, welche ,,s' Gott soll kommen" bedeutet, allgemein gehört wird. Eine andere urdeutsche Redensart, bei der ebenfalls Gott angewendet wird, hören wir bald aus dem Munde der gesprächigen Frummet. Sie erzählt nämlich von einer armen Familie am Orte, in der man trotz der Armuth doch manchen Aufwand treibe, wobei sie einleitend die Phrase gebraucht „Gott unverwissen", d. h. Gott lasse es ohne Verweis, verzeih mir die Sünde, daß ich üble Nachrede halte. Uebrigens hat diese Redensart im Laufe der Zeiten weitergehende Bedeutungen angenommen, sodaß. wir bald darauf an der Tafel hören, die Fische wären heute sehr knapp, es bekäme „Gott unverwissen, Jeder nur ein Bissen." Was im weiteren Laufe der Tischunterhaltung an ächt deutschem Sprachmaterial zu Tage gefördert worden ist, hat sich meinem Gedächtnisse so tief eingeprägt, daß ich es heute genau auszuscheiden weiß von dem gewöhnlichen Wortschätze, um jenes als mittelalterliche Sprachreste näher nachzuweisen. Allerdings kann hier nur eine kleine Probe folgen, so z. B. Arbes für Erbsen, Kumpes für Sauerkraut, Plutzker für Kürbis, eppes ur etwas, enk für euch, enker für euer, Brosem für Broamen, Brotkrume, man tar oder tur für darf, es oder ez ur ihr, mir für wir, Tintoren für Dintenfaß, Seiger für Uhr, Lekuch. für Lebkuchen, Weitak oder Wentak für Leiden, Gegatter für Gitter, Trendel für Kreisel. 17) u. a. m. Die Unterhaltung, aus der ich diese Sprachreste hervorhebe, wird mit einem Male gestört; man hört Geschrei draußen, Alles stürzt auf die Straße und Jeder öffnet seinen Mund zur Frage: Was is der mer? in der Bedeutung: Was geht da vor? Ein ganzes Stück Mittelalter knüpft sich an diesen Ausruf. In jenen Zeiten, in denen man noch der Zeitungen entbehrte, war man darauf angewiesen, von herziehenden Wanderern Neuigkeiten und Kriegsgeschichten zu erfahren. Man sah oft Leute den ganzen Tag über vor der Thür des Hauses stehen, um nach einem solchen Boten auszuspähen. Daher auch Elsar Levi Bonfant in Mainz mit dem Beinamen der gute Rabbi Salman in seinem Testamente aus dem Jahre 1358 u. A. seine Töchter davor warnt, an der Thür des Hauses