Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die mittelhochdeutsche Sprache bei den Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 174 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Treher und hört die Worte von meinen Lefzen. Ich will euch meine Noch entplecken; vielleicht wird sich enkerHarz derbarmen." Wäre Jacob Grimm Zeuge dieses Gespräches, er würde nicht wenig erstaunen, bei diesem Sohne des Ostens die ächte deutsche Sprache des Mittelalters zu hören. Entplecken, d. h. hier so viel als entdecken; enker, für euer, enk für euch, harz für Herz; derbarmen, wie derlauben, derstechen, hat der als tonloses Praefix vor dem Verbum, welches meistens der Vorsilbe er im Hochdeutschen entspricht. Treher für Thräne und Lefzen für Lippen sind mittelhochdeutsches Sprachgut.") Ich bin lange krank gewesen, fuhr der bleiche Jüngling fort, an Hinepritten gelegen. Ich erinnerte mich sofort, daß in Maharil erzählt wird, Jacob Levi habe einst drei Tage hindurch in Hinepritten gelegen, d. h. im Hinbrüten, wofür wir heut' zn Tage „Starrkrampf" sagen. Schmetter hat für diesen mittelhochdeutschen Ausdruck verschiedene Belege, zu denen jene Stelle im Maharil noch hinzuzufügen wäre. „Ich habe von Kindheit an fleißig gelernt." Hier hören wir ein rein deutsches Wort, mit dem ein ganz spezifisch jüdischer Gedanke ausgedrückt wird. Denn lernen heißt ohne weitere Hinzufügung, Thora studieren. Daher auch die Redensart: Er kann lernen, d. h. er ist ein Gelehrter. Er lernt gut, er lernt woil (wohl), d. h. er ist ein ausgezeichneter Gelehrter. Merkwürdig findet sich auch im Altdeutschen wohlsingen für gut singen. Aehnlich verhält es sich mit der Phrase „Schüler ausstellen", die nur ein Jude verstehen kann, welcher der Mahnung in den Sprüchen der Väter I, 2 „stellet viele Schüler aus" eingedenk ist. „Als ich acht Jahre alt war, habe ich schon ein Leinen aufgesagt." Leinen — hier haben wir einen Ausdruck, der in die älteste Zeit der deutschen Sprache und der Abzweigungen derselben reicht und im jüdischen Cultus eine mehrfache Anwendung findet. Denn man gebraucht ihn sowohl für die Vorlesung aus der Thora, als auch für das Lesen des Schma im Nachtgebet und ebenso für das Studium des Talmud. Was ist nun leinen? Seinen Ursprung erkennen wir aus dem, was Ferdinand Wolf in seinem klassischen Werke, über die Lais sagt: Von 1155 an bis zu den Troubadours des