Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die mittelhochdeutsche Sprache bei den Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 173 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111068-3111208--0190-3111422- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
173 friedigung, die im Laufe des Vortrages sich immer mehr steigert, den inneren Widerspruch auseinander, welchen die beiden Stellen bei näherer Vergleichung enthalten. Um einen Ausgleich herbeizusühren, wirft er Fragen auf, zu deren Lösung er neue Fragen aufstellt, wobei er seinen Körper hin und her wiegt, mit der Rechten eine feine saubere Spirale in der Luft beschreibend, wie sich Bernstein im Mendel Gibbor einmal ausdrückt. Ich versuche, ihn auf seine Höhen und in seine Tiefen in der Discussion zu folgen, überall sammelt er Bausteine für sein Gefüge, das er immer mehr zu einem ganzen Bau vereinigt. Je näher er seinem Ziele sich glaubt, die Krönung des Gebäudes zu vollenden, nämlich sein talmudisches Problem zur Lösung zu bringen, desto lebhafter wird er in Ton und Geberde, die Spiralwiudungen seines Fingers werden immer schneller und beschreiben immer größere Kreise, als wollte er alles abwehren, was sich darein drängen könnte. Nicht genug, fast nach jedem Worte, das er spricht, ruft er dazwischen mit ganz besonderem Nachdruck o t! ot! Was ist ot? Ein echt deutsches Wort, das Schmeller in seinem bayerischen Wörterbuche (S. 177) in der Bedeutung von halt!, als altdeutsche Partikel nachweist, hier also ein Zuruf, wo ein Widerspruch oder Einspruch gesürchtet wird, und der somit abgewehrt werden soll. Nachdem der junge Mann seinen Diseurs beendet hat, frage ich ihn nach seinen Familienverhältnissen. „Lebt euer Atti noch?" So versteht " er meine Frage nicht. Da frage ich ihn: „Lebt euer Tate noch?" Mein Tatten, antwortet er hierauf, bis hundert Jahr soll er leben. Merkwürdig, die westdeutschen Juden gebrauchen das altdeutsche Atti als Bezeichnung für Vater, das bis zum gochischen Atta hinausteicht, während die ostdeutschen Juden mehr der, aus der Kindersprache entlehnten Bezeichnung, die aber auch im Mittelhochdeutschen vorkommt, sich bedienen. Ihr seid nächten angekommen? stage ich meinen Gast, in dessen Heimath die Anrede mit „Ihr", wie im deutschen Mittelalter noch geläufig ist und die moderne Anrede mit „Sie" ganz fremd ist. Nächten für gestern, wie das hebräische titox in der Bibelsprache, ist im deutschen Mittelalter im vollen Gebrauch. Nachdem ich den jungen Mann nach seinem Begehr gefragt, faßt er Vertrauen zu mir und beginnt: „Seht meine