Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die mittelhochdeutsche Sprache bei den Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 172 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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172 zur Zeit des Verfassers des Maharil scheint der zweite so nebenher gehende Grund noch nicht maßgebend gewesen zu sein. Denn außer öem, was oben bei der Braut erwähnt ist, führt er in seinem Buche noch den Brauch rother Leichengewänder aus talmudischer Zeit an, wobei er mittheilt, daß nach der Ansicht der meisten Gesetzeslehrer die Todten in weißen Gewändern zu beerdigen seien. Zu diesen rechnet er als Obergewand die ganz ohne Schnitt hergestellte Umhüllung?' Dagegen ist von dem Kittel oder Sargenes, wie es setzt in süddeutschen Gegenden heißt, durchaus nicht die Rede. Ich glaube daher, daß mit der Zeit, da man angefangen hat, an manchen Orten auch mit dem Kittel als dem vorzüglichsten Festgewand den Todten auszustatten, mit dem Tragen desselben im Leben auch der Nebengedanke, „daß es das Herz des sterblichen Menschen breche und es demüthig mache" verbunden wurde und dazu führen konnte, auch an den Festen, an denen nach der Tradition göttliches Gericht gehalten werde, dasselbe anzulegen; wenigstens sollte dies der Vorbeter thun. So an den Tagen des Neujahrs, am 1. Tage des Schlußfestes (beim Geschem Gebete) und im Gebete des 7. Sukkottages (Hoschana Rabba). Hierin hat sich in den Gemeinden ein abweichender Minhag gebildet; der beste Beweis dafür, wie der ursprüngliche Brauch im Anlegen des Kittels im Laufe der Zeit sich geändert hat.12 Nach dieser kleinen Abschweifung kehre ich zur Fortsetzung meiner eigentlichen Aufgabe zurück, indem ich eine kleine Probe von jenen deutschen Sprachresten gebe, wie sie noch heute unter den polnischen Juden in den Manischen Provinzen gehört werden. Ich führe zu diesem Zwecke einen jungen Mann aus jenem Lande vor, mit dem ich vor etwa 25 Jahren folgendes Gespräch hatte. Derselbe, damals 18 Jahre alt, verließ seine Heimath jenseits unserer Ostgrenze und kam nach Berlin, um zu studiren, ohne nur einen deutschen Buchstaben zu kennen.*2 In seiner Rechten ein Bündel mit beschriebenen Papieren tragend, welche die Geistesprodukte seiner Thora- Studien enthielten, sollten diese ihn beim Eintritt sofort als Talmudgelehrten legitimiren, und, um jeden Zweifel an seiner Gelehrsamkeit bald zu lösen, fängt er sofort an, Proben derselben auf mündlichem Wege zu geben. Er beginnt mit einer Stelle im Talmud, der er eine andere Stelle gegenüberstellt; dann setzt er mit scheinbarer Ruhe und mit einer Selbstbe-