Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die mittelhochdeutsche Sprache bei den Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 168 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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168 einem Verlöbniß vor Zeugen aus dem Laienstand. Der von Jsserlein angeführte Sprachgebrauch läßt vermuthen, daß noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Steyermark, der Heimath Jsserleins, die christliche Ehe von der Mitwissenschaft und dem Segen des Geistlichen nicht abhängig gemacht wurde. So heißt es auch bei Freytag, Bilder aus dem Mittelalter: „Erst im 16. Jahrhundert galt es für ungebildet, nicht von einem Geistlichen eingesegnet zu sein. Noch im 15. war es möglich, daß Bauern ihren Pfaffen höhnten, weil er nach einer solchen Vermählung im Kreise der Genossen forderte, daß ein Aufgebot wegen möglicher Einsprüche erfolgen müsse. Die Bauern riefen lachend: Bevor es Mönche und Pfaffen gab, ist die Ehe gewesen!" — Aus den Responsen jener Zeit läßt sich noch viel culturgeschichtliches und sprachliches Material gewinnen, besonders aus den Rheingegenden, welche die Heimath jener Respondenten waren. Bei den Anführungen von deutschen Wörtern und Phrasen in den Schriften derselben bemerkt man sogar eine gewisse Correctheit im Ausdrucke, die Berücksichtigung sprachlicher Formen und Gesetze, soweit sie die mittelhochdeutsche Sprache schon kennt. Es finden sich auch manche Mittheilungen über die Aussprache des Deutschen. So heißt es im Maharil (94b) daß man in Regensburg das Deutsche richtiger als in Oesterreich ausspreche. Jsserlein führt Beispiele für die Verschiedenheit der Dialecte am Rhein und in Oesterreich an und geht mehrere Male näher darauf ein?) Es hatte diese Verschiedenheit auch Einfluß auf die jüdische Orthographie der deutschen Wörter; je nachdem nämlich der Schreiber am Rhein oder in Steyermark lebte. Moses Menz giebt in einem seiner Rechtsbescheide an, daß man in Sachsen den Anlaut 2 als hartes s ausspreche; ferner am Niederrhein sage man Selichmann, am Oberrhein dafür Selikmann? Der Verfasser eines Commentars im Codex No. 61 der Hamburger Stadtbibliothek, welcher der Mark angehört, schreibt: Die Aussprache ist im Gebiet der Mark mannigfach verschieden von der in anderen deutschen Gegenden, doch immerhin ist es zu verstehen, daß es eine Sprache ist. — Ueber den Gebrauch der deutschen Sprache bei gerichtlichen Verhandlungen vor dem jüdischen Gerichte besitzen wir ein interessantes Gutachten von Jacob Weil (No. 101). Es