Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 165

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die mittelhochdeutsche Sprache bei den Juden
Date
1898-01-01
Page
165 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3111067-3111068-3111208--0182-3111414
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

165 jüdische Bezeichnung erkennen mag. Aber bereits im zwölften Jahrhundert enthält ein christliches Klosterbuch in der Schweiz das Verzeichniß von Jahrzeiten, bei denen ein Licht angezündet und gewisse Gebete verrichtet werden sollen. Das Wort hat sich im Laufe der Zeit nur in jüdischen Schriften und Kreisen in dieser Bedeutung erhalten und ist sogar zu den Juden nichtdeutscher Länder übergegangen. Als ich bei meiner ersten Anwesenheit in Rom (im Jahre 1873) am 12. Nissan die Jahrzeit meines seligen Vaters dort beging, hörte ich von meinen jüngeren Freunden, daß sie einen solchen Sterbetag annivsr8ario nennen; die älteren dagegen nannten ihn llarzsjat?) Es war mir sofort einleuchtend, daß hierin das deutsche Wort Jahrzeit enthalten sei. Ich glaube für die Wandelung und die corrumpirte Wiedergabe des Wortes den richtigen Grund zu vermvthen. Wie nämlich das Wort, so ist in synagogaler Beziehung auch die ganze Institution der Jahrzeit deutschen Ursprungs. In den hebräischen Schriften, mit denen diese Einrichtung auch zu den Juden anderer Länder kam, ist nun das Wort als ein nichthebräisches durch zwei Strichlein darüber markirt. Leicht konnte es daher entstehen, daß dieses Wort von nichtdeutschen Juden als zwei Wörter getrennt angesehen und, beim Fehlen der Diphtonge in der italienischen Sprache, wie bereits erwähnt, Jarze—jat ausgesprochen wurde. Eine andere mittelalterliche, aus unserer Sprachweise geschwundene Bezeichnung ist „Kerbholz", welche uns durch die Response» des R. Meir Rothenburg (ed. Prag n. 810) erhalten ist. Dort wird nämlich der talmudische Saß in Baba Kama (104 b) 'ipVTi niya prfaw: p« durch ein Beispiel erklärt, welches dem practischen Gebrauch jener Zeit entnommen ist. Man pflegt ein Stück Holz in zwei Hälften zU theilen, von denen eine in den Händen des Ausleihers, die andere in. denen des Borgers bleibt mit der Bedingung, wer das andere paffende Stück Holz bringen werde, dem werde das Pfand gegeben. Aehnliches berichtet Wuttke, die Entstehung der Schrift (S. 66): Weit verbreitet war die Sitte, den Betrag von Schulden durch Striche oder Einschnitte in einen Stab, der hernach in seiner Länge gespalten wurde, zu vermerken. Die verschiedenen Seiten konnten verschiedene Gegenstände und Werthe bezeichnen. Die eine Hälfte des Stockes nahm der Ausleiher,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.