Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die mittelhochdeutsche Sprache bei den Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 163 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111068-3111208--0180-3111412- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
163 Hebräisch, für welches das Volksleben, wie bei verschiedenen Völkern und Sprachen, im Jargon den Nährboden bereitet hat, als hebräisches Sprachgut gelten. Er hat Jargon und Dialekt beim Judendeutsch nicht unterschieden. Jener, weil werthlos, interessirt uns nicht; dieser, weil er ächt deutsches Sprachgut aufweist, muß bei Allen, die Grimm's sprachwissenschaftliche Wege gehen wollen, Aufmerksamkeit erregen. Diese werden finden, daß die deutsche Sprache bei den Juden eine ganz andere Beachtung verdiene, als die sogenannte Gauner- und Zigeunersprache, mit der jene gewöhnlich zusammengestellt wird. Denn, wie wir aus dem alten jüdischen Schristthume in deutscher Sprache und aus gelegentlichen Anführungen in hebräischen Schriften zu erkennen vermögen, haben die Juden des Mittelalters die deutsche Sprache mindestens in derselben Reinheit und Correctheit zu benutzen verstanden, wie die deutschen Nichtjuden. Man überzeugt sich hiervon, wenn man das specielle Gebiet der Volksliteratur, der Moralschriften, der Testamente, der Namensregister, der Vokabularien und Glossarien, vorzüglich aber der Bibel-Uebersetzungen durchwandert. Besonders letztere haben dazu beigetragen, die deutsche Sprache in ihren älteren Formen und Ausdrücken bei den Juden zu conserviren. Diese Uebersetzungen haben sogar den deutschen Wortschatz oft bereichert, indem, dem Begriffe im hebräischen Original entsprechend, ein neuer deutscher Ausdruck geschaffen wurde. So dürfte Männin als Femininum aus dem hebräischen von rr>rr nachgebildet fein; ebenso „Seher" erst durch die Uebersetzung von nmi und rinn zur Aufnahme in die deutsche Sprache gelangt sein. Hartnäckig, (f|*ny ntpp) Joch auflegen und Joch zerbrechen können aus bekanntem biblischen Sprachgebrauch hervorgegangen sein. Wir sehen hier eine große Aufgabe vor uns, zu deren Lösung bereits von verschiedenen Seiten ein werthvolles Material, das aber noch lange nicht erschöpft ist, zusammengetragen worden ist'?) Was in den ettcjett Rahmen dieser Abhandlung eingeschlossen werden soll, sind Proben von deutschen Sprachresten, die im jüdischen Schriftthum oder im Munde noch gegenwärtiger Generationen vorhanden sind. Mit dem eisten Jahrhundert beginnen die ältesten Anführungen deutscher Ausdrücke in jüdischen Schriften, die