Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Ein Besuch bei den "Leuten der Gasse" in Palma
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 137 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111068-3111206--0152-3111386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
137 und bildet im Kleinen eine Etage, zu der man auf einem Seitentreppchen aufsteigt. Dieser erhöhte Raum, den ein Eisengitter abgrenzt, wird zuweilen verhängt, da er auch als Schlafgemach dient. Einen eigenen Reiz gewährt es, wenn Frau und Kinder vom Gitter herab sich mit dem Vater unterhalten, der unten in seiner Werkstätte der Handarbeit obliegt. In ein Häuschen dieser Art trat ich ein. Wir erblicken eine Gruppe, wie sie uns Bendemanns Bild: „Die trauernden Juden an den Strömen Babylons" darstellt, nur daß der Mann nicht die Leyer zu Füßen hält, sondern als Kunstschmied den Hammer führt. Eine Mutter im Hintergründe, das Kind auf den Knieen, zwei Töchter zur rechten mit Handarbeiten beschäftigt; alle mit den leidenden Zügen wie jene Juden, die da weinten, wenn sie Zions gedachten. Ich besichtigte einige silberne Filigranarbeiten, und während ich mich zum Kaufe anschickte, knüpfte ich ein Gespräch ^an. „Da sagen die Leute," Hub ich an, „in einem Hause der Gasse sei nirgends ein Heiligenbild zu finden, und wenn sie ein gottloses Haus brandmarken wollen, meinen sie, es sei wie ein Haus in der Gasse. Nun sehe ich aber — und mein Blick musterte ein Bild — bei Ihnen haben die Leute Unrecht." „Ach, nach ihren Redensarten dürfen Sie sich nicht kehren, wir sind daran schon gewöhnt; wir sind die besten Katholiken, bessere als jene, die sich ihrer Frömmigkeit rühmen. Achten Sie nur darauf, wie unsere Frauen und Mädchen täglich die Kirche besuchen und den Rosenkranz beten." Auf die Frage, ob sie nicht noch eine Erinnerung hätten an ihre Abstammung? antwortete der Mann: „Erinnern sich denn die Spanier oder Franzosen, ob sie von Heiden abstammen? Wir sind gute Katholiken und das genügt". Eine Tochter erhob sich, nahm aus dem Wasserglase eine Rose und reichte sie mir hin. Mir war's, als ob eine vor Jahrtausenden vertrocknete Rose von Jericho hier aufgeblüht wäre. Tief bewegt entfernte ich mich. Ich wanderte weiter durch die Calle de Plateria. Da sah ich auf einem Schilde den Namen Valls, denselben Namen, den jener fromme Märtyrer aus dem Jahre 1691 trug. Ich trat in den