Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Aus einer Tischrede am Szeder-Abend
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 103 (sequence 3)
- Language
- German
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103 jocht und seiner freien Selbständigkeit beraubt wird. Viele Völker sind daran völlig zu Grunde gegangen; von den Siegern beherrscht, zur Frohne herabgedrückt, welche jedes eigene Streben ertödtet, haben sie mit der Zeit ihre Eigenart And ihre Cultur eingebüßt und so sind sie denn im Herrenvolke als minderwerthige Glieder aufgegangen und aus der Reihe der Nationen verschwunden. Andere Völker dagegen haben es vermocht, sich aufzuraffen; die Besiegten sind wiederum Sieger geworden und mit wiedergewonnener Freiheit und Selbständigkeit haben sie den Weg eigener Culturthütigkeit fortgesetzt. — Unerhört aber ist es in der ganzen Geschichte Les Menschengeschlechts und als eine Thatsache ohne Gleichen sieht es da, daß ein Stamm, welcher wegen seiner Minderheit und Besitzlosigkeit in der Fremde zur Frohne gedrückt war, ohne eigene Cultur und ohne selbstständige That eine lange Zeit hingelebt hat, dennoch den Auszug aus dem Herrenlande gefunden; daß eine Sclavenhorde zu einem Volke geworden und die Bahn einer eigenen Cultur eröffnet hat. Davon, daß diese Cultur, die höchst eigenartige, religiössittliche Cultur, unter göttlicher Führung allmählich zur Grundlage und Triebkraft in den gewaltigen Gebilden der höchstentwickelten Nationen werden sollte, brauche ich hier nicht zu reden. In der biblischen Erzählung ist dieses einzigartige Ereigniß mit zahlreichen Wundern umstellt und in dem auf das Ideale gestimmten Gemüth der Nachkommen hat die Phantasie ihre Schwingen entfaltet und unerschöpflich Wunderlegenden hinzugedichtet. Größer aber als alle diese Wunder ist die einfache, dürre Thatsache; ja diese Thatsache, daß aus einem Sclavenhaufen, aus einem unter dem Joch der drückendsten Frohne seufzenden Stamm, ohne Heimath, ohne Ordnung, ohne Geschichte, daß aus diesem Stamm ein Culturvolk, das Culturvolk der Religion und Sittlichkeit geworden, diese Thatsache allein ist das größte aller Wunder, welche denkbar sind. Dieser Gedanke ist treffend bereits in der großen Rede Mosis im Deuterononium (4, 34) mit den Worten angedeutet: „oder hat Gott je versucht ein Volk sich zu nehmen aus der Mitte eines anderen Volkes?" Das einzige Wörtchen nwn in diesem Verse sagt uns, daß das