Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Aus einer Tischrede am Szeder-Abend
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111068-3111204--0115-3111351- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
102 Erscheinung zur Idee der Unendlichkeit, aus der jene fließt, emporheben. Dagegen die Feste als historische wenden sich an Gott, nicht blos als den allmächtigen Schöpfer und Ordner des Naturlaufes, sondern an Gott als den Gründer und Gebieter, als den Förderer und Förderer der sittlichen Weltordnung. Sogleich das erste der Zehngebote erfüllt unser religiöses Bewußtsein mit dem Gedanken an Gott in der Geschichte, indem es auf den Auszug aus Aegypten hinweist. Auch einige der edelsten Sittengesetze, z. B. die für ihre Zeit einzig dastehenden über die liebreiche Behandlung der Fremden, sind an die ägyptische Erfahrung angekniipft; „ihr wißt ja, wie dem Fremden zu Muthe ist"-die Völker sollten mehr als sie thun aus ihren Schicksalen lernen! — Auch dafür bietet die mosaische Gesetzgebung ein unvergleichliches Vorbild. Selbst der von Geschichte eigentlich ganz unabhängige Sabbath ist dennoch mit Aegypten in Verbindung gebracht, indem Ruhe des Knechtes und der Magd als Grund und Ziel (jyft1?) durch die Erinnerung „Knechte seid ihr in Aegypten gewesen" ans Herz gelegt wird. Die Weisheit der Rabbinen aber hat fast alle sittlichen und religiösen Vorschriften, insbesondere die Feste darauf bezogen. Mit gutem Grund; zunächst wegen der inneren Bedeutung derselben; denn die Befreiung aus Aegypten und die damit unmittelbar als ihr Ziel und Zweck zusammenhängende Gesetzgebung am Sinai enthalten die beiden Grundpfeiler zum Aufbau der Sittlichkeit im einzelnen Menschen und in jeder historischen Gesammthe.it: Freiheit und Berufung; Selbständigkeit und Selbstverantwortung auf der einen, Gesetz und Recht auf der anderen Seite — und das Pflichtgefühl, in welchem beide persönlich vereinigt sind. — Alles dies ist oft und erfolgreich in der jüdischen Litteratur erörtert worden; ich aber möchte noch hervorheben, daß die talmudischen Weisen mit Recht auch aus rein historischen Gründen dieses Ereigniß vor allen anderen ausgezeichnet haben. Die Thatsache begegnet uns häufig in der Geschichte der Menschheit, daß ein Volk im eigenen Lande und mit eigener Cultur von einem anderen mächtigeren Volke besiegt, unter-