Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 99 (sequence 16)
- Language
- German
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99 Studien haften an kleinen Gesichtspunkten, der Minhag feiert Triumphe, und vollends die Sittenzustände zeigen das Bild traurigster Verkommenheit. Zu den vorhin erwähnten hebräischen Worten, von denen ich sagte, daß sie jeder Jude kenne, gehört leider auch das Wort „Mossur", welches den Verleumder, den Angeber, den Denunzianten, im österreichischen Idiotismus den „Naderer" bezeichnet. Diese gefährlichste und verworfenste Sorte von Menschen, welche das größte Unheil über ganze Familien und Gemeinden brachte, ward recht eigentlich im Ghetto gezüchtet. Es läßt sich ja nur zu sehr begreifen, wie durch das enge Zusammenwohnen in der Judengasse, dadurch, daß der eine Gelegenheit hatte, dem anderen in den Topf zu gucken, Neugier, Neid, Mißgunst, Heuchelei und Verstellung, kurz das ganze Heer verwerflichster Leidenschaften ausgestachelt wurde, aus welchem das jüdische Sykophantenthum, der Abschaum unsrer Geschichte, sich entwickelte. Es mag hinreichen, wenn ich diese traurige Erscheinung mit den eigenen Worten eines Prager Oberrabbiners aus dem 16. Jahrhundert, Salomo Ephraim Lenczyc, schildere, mit welchen er beklagt, daß Klatschsucht, Unwahrhaftigkeit und Lügenhaftigkeit mehr unter uns, als bei allen Völkern heimisch seien, daß Unfriedfertigkeit und Zanksucht die Gemeinden zerklüften, und daß der Haß des Juden gegen seine Glaubensgenossen nachdrücklicher sei, als der Haß des Nichtjuden gegen Juden. Diese Erscheinungen waren die Folgen des Druckes, und damit bestätigt sich das Wort eines modernen Dichters, daß das Unglück die Menschen so wenig besser macht, so wenig der Rost ein scharfes Messer macht. Mit dem Nachlassen des Druckes ist dieses sittliche Unkraut, das er groß gezogen hatte, aus der Mitte der Juden von selbst verschwunden, und wir würden undankbar gegen die Freiheit sein, wenn wir verkennen wollten, daß sie es gewesen ist, die uns Gelegenheit und den Anstoß gegeben hat, das Gute, das in uns liegt, zur Entfaltung zur bringen. Ist uns auch der Sonnenschein der Freiheit nicht ungeschmälert zu Th eil geworden, so haben selbst ihre spärlichen Strahlen genügt, für das Judenthum eine Blüthezeit herbeizuführen, wie es deren sich seit Jahrhunderten nicht erfreut hat. Mag es auch nicht an bedauerlichen Erscheinungen fehlen, die trotz oder mit diesem