Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 100 (sequence 17)
- Language
- German
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100 Umschwung aufgetaucht sind, so überwiegt doch bei Weitem das Gute, das im Laufe dieses Jahrhunderts in unserer Mitte hervorgetreten ist. Wir haben erst jetzt wieder eine jüdische Wissenschaft, welche an die Leistungen der spanischarabischen und italienischen Glanzzeit anknüpft, welche ihren leuchtenden Spuren folgt und in mehrfachen Lehranstalten eifrige Pflege findet. Zahlreiche Glaubensgenossen sind auf den verschiedenen Gebieten der Wissenschaft und Kunst eifrig und wahrlich nicht unrühmlich thätig. Gotteshäuser von einem Umfang und einer Ausstattung, wie sie das Mittelalter wenig oder garnicht gekannt, bilden die Andachtsstätten der Gemeinden. Die öffentliche Wohlthätigkeit erstreckt sich auf früher gänzlich vernachlässigte Gebiete, wie die Erziehung der Taubstummen und Blinden, und selbst die früher schon geübte Wohlthätigkeit, wie die Waisenpflege und die Altersversorgung, die Pflege der Kranken und die Unterstützung der Armen hat entsprechend der Größe der Gemeinden einen Umfang und eineAusdehnung gewonnen, wovon unsere Voreltern im Mittelalter keine Ahnung hatten. Ja selbst und zumeist die Größe mancher Gemeinden an sich würde, wenn jene Voreltern aufständen, ihr Erstaunen und ihre Bewunderung erregen und dieser Zuwachs ist doch nur möglich geworden durch den Zusammenbruch des Ghetto's und die Freizügigkeit. So zeigt sich in den verschiedensten Richtungen, daß wir, wie unsere Geschichte mit der Befreiung ihren Anfang genommen hat, die Freiheit nicht zu fürchten, sondern nur Gutes von ihr zu erwarten haben. Diese Geschichte lehrt aber auch, daß die Freiheit nicht für immer sich unterdrücken läßt. Wenn sie auch verdunkelt wird, so leuchten doch wie die sonnenbeschienenen Bergspitzen aus der dunkeln Mondesfläche zu gegebener Frist Zeichen aus, die bald wieder ihren vollen Anbruch gewärtigen lassen. Deshalb braucht uns, wenn auch die neueste Phase unserer Geschichte nicht im Lichte der Freiheit sich abspielt, um die Zukunft nicht bange zu sein. Dazu haben wir eine zu alte Geschichte.