Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 98 (sequence 15)
- Language
- German
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98 ließ ihnen gern Ländereien zum Anbau von Henna, Indigo und anderen Gewächsen anweisen. Kein Geringerer, als Thomas v. Aqniuo, der Lieblingsphilosoph des jetzigen Papstes, giebt den Juden in Italien das Zeugniß, daß sie ihren Unterhalt durch Arbeit, nicht durch Wucher verdienen. Er räch deshalb, man möchte sie auch anderwärts zur Arbeit „antreiben". Aber zur Arbeit brauchten sie nicht angetrieben zu werden. Thatsächlich hat man die Juden im Mittelalter zum Wucher angetrieben, der Arbeit wendeten sie sich aus freien Stücken zu, wenn man ihnen nur die Wahl ließ. Und daß es nicht gerade die leichte Arbeit war, die sie zu ihrem Berufe machten, bezeugen die schon erwähnten behördlichen Gegenvorstellungen gegen die beabsichtigte und nachher auch ausgeführte Vertreibung der Juden aus Sicilien. Da wird gesagt, daß die Insel durch die Auswanderung der Juden um fast alle Handwerker komme, besonders um solche, welche sich mit Eisenarbeiten zum Beschlagen der Pferde, zum Gebrauche in der Landwirthschaft, zur Ausrüstung von Schiffen, Galeeren und anderen Fahrzeugen beschäftigen. Damit habe ich flüchtig die Rückwirkung geschildert, welche die Freiheit in der Berufswahl aus die Juden und ihre Erwerbsthätigkeit ausübte. Nun betrachten wir aber einmal die inneren Zustände, wie sie unter dem Druck sich gestalteten, der ganz besonders seit dem schwarzen Tode im 14. Jahrhundert in Deutschland und Oesterreich über die Juden verhängt wurde. Es ist wahr, die deutschen Juden zeichneten sich durch eine sprüchwörtlich gewordene Frömmigkeit aus, aber daß diese auch in der Freiheit gedeihen kann, bezeugt der schon erwähnte Joseph Jabez, der sich in diesem Punkte gewiß nichts weiß machen ließ, indem er hervorhebt, daß es in Spanien zu keiner Zeit so viele und so besuchte Lehrhäuser gegeben habe, wie kurz vor der Vertreibung, welche ziemlich überraschend kam. Aber selbst zugegeben, daß die gedrückte Lage der deutschen Juden zu ihrer Frömmigkeit beigetragen habe, so war diese doch nicht jene sonnige Frömmigkeit, welche der Abglanz eines durch tiefe Erkenntnis; der göttlichen Wahrheiten veredelten Geistes und Herzens ist. Die Bildungszustände der deutschen und deutsch-polnischen Juden sind der stehende Spott ihrer spanischen und italienischen Glaubensgenossen, ihre gelehrten