Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 97

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
Date
1898-01-01
Page
97 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111068-3111203--0109-3111346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

97 geschichtlichen Thatsachm aus den Kops stellen, wenn man jetzt wiederum behauptet, daß der Druck es gewesen sei, welcher das Judenthum erhalten hat. Das gerade Gegentheil ist das Richtige. Selbst ein geringes Maß von Luft und Licht genügte, um einen reichen Blüthenflor hervorzuzaubern. Welches sind denn, um das mehrfach gebrauchte Bild beizubehalten, die sonnenbeschienenen Stellen in der dunklen Geschichte der Diaspora? Alexandrien, Spanien und Italien. In diesen Gebieten hat das Judenthum Triumphe gefeiert, wie nirgends sonst. Ich denke dabei nicht an die äußeren Triumphe, welche Einzelne durch ihre Stellung und ihren Einfluß im Staatsleben errungen haben, sondern ich beschränke mich ans das innere Leben der Gesammtheit, das selbst, wie gesagt, schon bei einem geringen Maße von Freiheit einen mächtigen Aufschwung nahm. Dies gilt zunächst in wissenschaftlicher Hinsicht. Die Betrachtung der Religion von großen Gesichtspunkten, die philosophische Abstraction ihres ethischen Gehaltes, die Betheiligung an allen Disciplinen der Wissenschaft, welche auch zu mannigfachen persönlichen Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gelehrten führte, und wodurch die Juden in die Culturbewegung der gesammten Menschheit eingegriffen und einen unverwelklichen Ruhmeskranz sich erworben haben — alle diese Leistungen haben die Juden nur in denjenigen Ländern aufzuweisen, in welchen sie sich wenigstens einigermaßen frei entwickeln konnten. Aber uoch bedeutender war die günstige v Rückwirkung der Freiheit und selbst einiger Freiheiten auf die Sittenzustünde unter den Juden. Die ewige Anklage, daß die Juden nicht arbeiten wollen, die immer wieder von denen vorgebracht wird, deren einzige Lebensarbeit die Propngirung dieser Anklage ist, hat in der Geschichte des Mittelalters längst ebenso zu Gunsten der Juden ihre Entscheidung gefunden, wie die andere, daß sie eine besondere Vorliebe für Geldgeschäfte besitzen. Wo ihnen die Berufswahl frei gestellt war, da waren es das Handwerk und die Landwirthschaft, denen sich die Juden mit Vorliebe zuwendeten. In Italien und Griechenland lagen die Färberei und der Seidenbau in den Händen der Juden. Kaiser Friedrich II. hieß das Angebot der Juden von der Insel Gerbt, ihm bei Palermo einen Dattelpalmengarten anzulegen, höchlich willkommen, und 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.