Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 96 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111068-3111203--0108-3111345- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
96 la femme“, welches bereits in dem Ausspruch des Midrasch : „Alles kommt von der Frau" vorgebildet ist, findet in der Geschichte der Juden mannigfache Bestäügung. Damit glaube ich genügend dargethan zu haben, daß das Familienleben eine der wichtigsten Ursachen der Blüthe und des Verfalles in der Geschichte der Juden bildet. III. Zu diesen Ursachen gehören endlich auch Freiheit und Knechtschaft. Sie sind allerdings an sich äußere Ursachen, aber gleichwohl dürfen sie im Zusammenhänge dieser Untersuchung nicht übergangen werden, weil ihre Rückwirkungen auf das geistige und sittliche Leben immer von der größten Bedeutung gewesen sind. Das Judenthum vertrügt keine Despotie. Das bekannte Wort eines unserer berühmtesten Glaubensgenossen dieses Jahrhunderts, es sei das Unglück der Völker, daß die Könige die Wahrheit nicht hören wollen, findet bereits in der Geschichte des Königs Rehabeam seine Bestäügung. Dieser schlug den vernünftigen Rath der Weitesten in den Wind und hielt es mit den Junkern, die immer und überall das Volkswohl ihrem eigenen Interesse aufopfern. Ihrer Eingebung folgend, ließ er dem um Erleichterung der Lasten bittenden Volke sagen: „Hat mein Vater euch mit Ruthen gezüchtigt, so werde ich euch mit Skorpionen züchügen." Der Erfolg dieser despotischen Kundgebung war die Spaltung des Reiches, der religiöse und sittliche Verfall des Zehnstümmereiches und endlich dessen Untergang. Diese nachtheilige Wirkung der Knechtschaft und die vortheilhafte der Frecheit sind in der Geschichte der Juden immer wieder von Neuem hervorgetreten, sowohl während ihrer Selbständigkeit wie in der Diaspora. Es wird allerdings im Talmud das geflügelte Wort mitgetheilt, der Druck oder die Armseligkeit stehe den Juden gut wie ein rother Zaum einem weißen Pferde. Aber diese Verherrlichung des Druckes ist selbst eine seiner verhängnißvollsten Wirkungen. Man kann sich durch lange Gewöhnung den unerträglichsten Lebensverhältnissen airpassen, ja man kann sie sogar lieb gewinnen. Am Ende aber bleiben die schädlichen Folgen nicht aus, und sie sind auch in der Geschichte der Juden nicht ausgeblieben. Es heißt daher die