Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 95 (sequence 12)
- Language
- German
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95 einem sittlichen Eheleben nitb überhaupt von einem sittlichen Verkehr der beiden Geschlechter machen. Dagegen dürfen wir, ohne uns der Uebertreibung schuldig zu machen, behaupten: Der jüdische Frauendienst war ein Theil des Gottesdienstes. In jedem Gebetbuch findet sich das biblische Lobgedicht auf die ehrbare Frau und Mutter, und als einen Theil seiner Freitagabendandacht betrachtete der jüdische Ehegatte den Vortrag dieses Schlüßkapitels der Sprüche Salomo's. Man mag daran erkennen, was die Frau in der Geschichte der Inden war und bedeutete, wie viel in dem inneren Leben und selbst in der äußeren Geschichte der Juden von ihr abhing. Man braucht nur der hervorragenden biblischenFrauengestalten und ihrer Stellung im Mittelpunkte der jüdischen Geschichte sich zu erinnern, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß eine erhabenere Würdigung der Frau, als das Judenthum ihr zu Theil werden läßt, überhaupt nicht zu denken ist. Die Tradition führt die Befreiung aus Aegypten auf das Verdienst der edlen Frauen zurück. „Auch sie wären an dem Wunder betheiligt", lautet ein anderer Ausspruch der Tradition, welcher dem Antheil der Frauen an der Herbeiführung bedeutsamer Wendepunkte gerecht wird. Ungemein zahlreich sind die Züge aufopfernder Gattenliebe, durchdringenden Verstandes und erhebender Seelengröße, welche schon die Bibel von Frauen erzählt, und die in unserer späteren Literatur — wir haben eine ganze Frauenliteratur — zerstreut sind. Die Geschichte von den Weibern von Weinsberg, welche von der Erlaubuiß, aus der belagerten Stadt mit ihrer liebsten Kostbarkeit abzuziehen, Gebrauch machend, die zum Tode verurtheilten Ehegatten aus dem Rücken mit sich nehmen, findet bereits im Midrasch ihr Vorbild. Der ftornrne, aber den philosophischen Studien abholde Joseph Jabez, ein Schicksalsgenosse der aus Spanien vertriebenen Juden, ruft begeistert aus: „Die gottesfürchtigen spanischen Frauen waren es, die ihre Ehegatten antrieben, sich mit ihnen in den Tod zu stürzen, während die philosophisch gebildeten Männer sich taufen ließen." Andererseits waren es wiederum Frauen, welche, wie man sich schon aus dem Buche der Könige überzeugen kann, die schwerste Heimsuchung nicht blos über ihre Familien, sondern auch über die jüdische Gesammtheit gebracht haben. Kurz das „Cherchez