Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 94 (sequence 11)
- Language
- German
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94 dann, wie der König in schnell aufwallendem Zorn den reichen Mann zum Tode verurtheilt, ihm zuzurufen: Du selbst bist dieser Mann, der du dich nicht scheutest, Urija in den Tod zu schicken, und dir sein Weib anzueignen. Ich darf aber ein reizvolles Detail der angeführten Parabel nicht übergehen, welches unsre Weisen. hervorheben. Der Gast des reichen Mannes, der scheinbar mit dem Kern der Sache nichts zu thun hat und aus dem Spiele bleiben könnte, wird in dem kurzen Verlaufe eines einzigen Satzes zuerst als Wanderer, dann als Gast, zuletzt als Herr bezeichnet. Augenscheinlich ist damit die Leidenschaft gemeint, die Anfangs flüchtig das Herz des Menschen berührt, dann aber häufiger darin einkehrt, um es zuletzt ganz in Beschlag zu nehmen. Dieser Wink, welcher dem Gast in der Parabel seinen vollberechtigten Platz anweist, wird David nicht entgangen sein und muß ihm seine Verirrung nur eindringlicher zu Gemüthe geführt haben. Und wie David späterhin den Schmerz erlebt, daß sein Sohn Absalom, dessen Mutter nach der Tradiüon eine Kriegsgefangene war, sich gegen ihn auflehnt, da fragt ihn, ebenfalls nach der Tradiüon, sein Freund Chuschaj: „Warum hast du eine deiner unwürdige Frau geheirathet?", indem er ihm mit dieser Frage zu verstehen giebt, daß der Schmerz, den ihm Absalom bereitet, ihn nicht unverdient treffe. Denn aus einer übel gerathenen Ehe gehen nicht leicht gerathene Kinder hervor. In diesem Zusammenhänge mögen auch der Stellung und Bedeutung der Frau im Judenthume einige Worte gewidmet sein. Das Christenthum nimmt für sich das Verdienst in Anspruch, der Frau erst eine ihrer würdige Stellung angewiesen zu haben. Das entspricht nicht den Thatsachen weder der Geschichte des Judenthums, noch der Geschichte des Christenthums. Unsere Bibel hat zwar die Polygamie nicht verboten, aber gewollt hat sie — diese Ueberzeugung muß sich jedem unbefangenen Leser aufdrängen — nur die Einehe, die auch thatsächlich die herrschende Norm gewesen ist. Andererseits zeigt das christliche Mittelalter, welches von Frömmigkeit trieft, gerade das Eheleben in einem nichts weniger als rosigen Lichte. Der ritterliche Frauendienst entspricht, wenn man ihn seines romantischen Schimmers entkleidet, durchaus nicht den Vorstellungen, die wir uns von