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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 93

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
Date
1898-01-01
Page
93 (sequence 10)
Language
German
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93 — Gebot das vierte geworden, aber das ist nur eine Verschiebung, keine Verbesserung. Ebenso wurden in Israel ein für alle Male die Grundlagen der Erziehung befestigt. „Höre, mein Sohn, auf die Unterweisung deines Vaters, und lasse nicht von der Lehre deiner Mutter." Dieser Satz aus dem Anfangskapitel der Sprüche Salomo's war und ist einer der Fundamentalsätze aller Erziehung. Die ersten und wichtigsten Lehrer sind Vater und Mutter. Aber es verdient bemerkt zu werden, daß, während im klassischen Alterthum die Erziehung immer Sache des Einzelnen blieb, sie bei den Juden zugleich Staatssache, ein „politicum“ war. Frühzeitig hat es bei den Juden öffentliche Schulen gegeben, und daß die Pflege oder Vernachlässigung der Erziehung und des Unterrichts zu allen Zeiten die Blüthe oder den Verfall des Judenthums begründeten, wird man begreifen, wenn man bedenkt, wie im Jahre 1866 das Wort umlief, die Schlacht bei Königgrätz hätten die preußischen Schulmeister gewonnen. Auch das Judenthum hatte seine Schlachten zu schlagen, und auch bei ihm haben sie die Schulmeister gewonnen. Sie waren es, welche der Jugend die Vertrautheit mit dem Arsenal, in welchem die besten Waffen für den Kampf des Lebens niedergelegt sind, die Vertrautheit mit der Bibel einflößten, welche von den christlichen Predigern des Mittelalters ihren Zuhörern häufig zur Nachahmung empfohlen wurde. Doch kehren wir von der Schule wieder in das Haus zurück. Daß die Heiligkeit des Familienlebens von jeher in Israel als eine der Bedingungen des allgemeinen Gedeihens betrachtet wurde, und auch wirklich eine solche gewesen ist, bezeugen manche Stellen im Pentateuch, ganz besonders aber das Buch der Richter durch das zur Warnung aufgestellte Gemälde eines häuslichen Drama's, welches zuletzt zu einem blutigen Bürgerkriege führte. In derselben Absicht der Warnung nimmt auch die Bibel keinen Anstand, die Schwäche, die der Persönlichkeit David's gerade in diesem Punkte anhaftet, schonungslos aufzudecken. Erschütternd wirkt die Schilderung, wie der Prophet Nathan dem König David die fingirte Missethatr des reichen Mannes vorträgt, der, obgleich im Besitze großer Heerden, dem armen Nachbar das einzige Lamm, das er sein eigen nennt, wegnimmt und seinem Gaste vorsetzt —, um als-

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