Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 91 (sequence 8)
- Language
- German
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91 in der neueren Zeit haben sich die Verhältnisse in den jüdischen Gemeinden consolidirt, und daß der Anstoß dazu nicht von diesen selbst, sondern von den Regierungen ausgegangen ist, kann leider nicht in Abrede gestellt werden. Im Mittelalter wollten die Regierungen von einer Organisation der Juden in der Regel nichts wissen. Es war den Regierungen gerade recht, wenn es bei den Juden drunter und drüber ging. Wurde aber einmal von staatswegen der Versuch einer Ordnung gemacht, dann wollten wieder die Juden davon nichts wissen. In unserem Jahrhundert sind an die Stelle der alten „Judenordnungen", welche aber im Inneren nur die alte Unordnung kultivirten, zuerst in Frankreich, dann in den verschiedenen Ländern des deutschen Reiches, wie endlich auch in unserer Monarchie aufgeklärte Staatsgesetze getreten, welche mit mehr oder weniger Erfolg die Verhältnisse in den jüdischen Gemeinden geregelt haben. Andererseits haben allerdings auch die Juden selbst aus ihrer Geschichte gelernt, daß Älüthe und Verfall des Judenthums von dem Dasein, oder Mangel der Organisation abhängen. II. Eine andere Ursache der Blüthe wie des Verfalls bildet das Familienleben. Es giebt allerdings überhaupt keinen Staat und kein Volk, deren Geschicke nicht am Ende auf diesen Wurzelboden der menschlichen Gesellschaft zurückgingen, aber bei den Juden bedeutet das Familienleben noch etwas ganz anderes, insofern ihre Geschichte eine religiöse Geschichte ist. Die Religion Israels hat als solche niemals den Anspruch erhoben, die Welt zu erobern. Aber sie hat die Familie begründet, was mehr ist. In der Welt verliert sich der einzelne Mensch. Dagegen ist die Familie eine ganze Welt. Unsere älteste Geschichte, welche das 1. Buch Moses enthält, ist eine Familiengeschichte, aber doch nicht die Geschichte einzelner Familien. Vielmehr wird darin gezeigt, wie dasjenige, was nachmals, als geistige Errungenschaft des ganzen Volkes erscheint, durch eine Abfolge von Geschlechtern langsam aber stetig vorbereitet wurde. Man hat diese Familiengeschichte für sagenhaft erklärt. Aber woran wir bei dieser