Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 90 (sequence 7)
- Language
- German
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90 nicht entfernt so große Gemeinden gegeben, wie z. B. die unsrige oder andere jüdische Gemeinden der Gegenwart. Es hat kaum so große Städte gegeben. Dies erklärt sich leicht. Die Ritter saßen mit zahlreichen Reisigen auf den Burgen, deren fast jede die Gegend beherrschende Anhöhe eine aufwies' auf den Landstraßen und in den Wäldern trieb sich viel fahrendes Volk umher, fast jede Stadt war eine Festung und bot in Folge dessen nur einer beschränkten Anzahl von Bewohnern Raum. Erst in der neueren Zeit haben sich die reichbevölkerten städtischen Centren gebildet. Aber wenn es auch im Mittelalter nicht so volkreiche Städte gegeben hat, wie heute, so herrschte unter ihren Bürgen: trotzdem nur selten Einigkeit. Nicht blos die Städte unter einander befehdeten sich, sondern in einer und derselben Stadt bekämpften sich die Parteien und selbst einzelne Familien auf Mord und Tod, was ja ein jeder schon aus „Romeo und Julie" weiß. Ich mache diese Digression deshalb, damit wir die Zustände in den jüdischen Gemeinden gerecht beurtheilen. Die Juden haben es im Guten wie im Bösen vielfach der Umgebung nachgemacht, in deren Mitte sie wohnten. Diese Bemerkung macht schon im 13. Jahrhundert das „Buch der Frommen". Selbstverständlich erstreckt sich dieses Urtheil nicht auf alles und jedes, aber die eigene Unfähigkeit zur Organisation konnte durch die allgemeinen verwilderten Zustände nur bestärkt werden. Eine musterhafte Organisation des Gemeinwesens tritt uns während des Mittelalters nur bei den Juden auf Sicilien entgegen. Wie dieses eine Insel ist, so bildet auch die Geschichte der Juden auf Sicilien eine Insel im Strombette unserer allgemeinen Geschichte. Sie haben nicht viel von sich reden gemacht, aber dieser Umstand berechtigt, wie bei den einzelnen Menschen, zu der Vermuthung, daß sie sich wohl befunden haben. Dazu trüg ihre bis auf das Kleinste sich erstreckende Gemeindeorganisation unstreitig wesentlich bei und daß sie gleichzeitig ein bedeutender und anerkannter Faktor des öffentlichen Lebens waren, ersieht man daraus, daß, als der König von Spanien ihre Vertreibung anbefohlen hatte, die höchsten Behörden durch bewegliche Vorstellungen, welche die Verdienste, ja die Unentbehrlichkeit der Juden hervorhoben, dieselbe zu verhindern, leider vergeblich, sich bemühten. Erst