Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 89 (sequence 6)
- Language
- German
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89 ein König in Israel, jeder that, was er wollte." Wie man die Vorzüge, die man selbst nicht besitzt, bei Anderen am meisten schätzt, so zollt anch ein Volk denjenigen seiner Koryphäen die größte Verehrung, welche die ihm im Allgemeinen anhaftenden Mängel durch ihre Persönlichkeit ausgleichen. Daraus erklärt sich, daß die Tradition den einen Samuel dem Brüderpaare Moses und Aron gleichwerthig erachtet und ebenso, daß der Messiasglaube, die Hoffnung auf das goldene Zeitalter der Zukunft, au die Persönlichkeit Davids anknüpft. Nach David sank das Reich sofort wieder von seiner Höhe herab, es zerstel, und es hat nachmals in unserer alten Geschichte nur wenig Zeiten gegeben, die aus ihr wie die sonnenbeschienenen Bergspitzen aus den dunkeln Partien der Mondscheibe hervorleuchten. In Folge des Mangels an Organisation entstand Parteiung und Unfriede. Es ist aber nur zu wahr, was der alte römische Schriftsteller Sallust sagt, daß durch Eintracht kleine Dinge wachsen, dagegen durch Zwietracht die größten zerfallen, und die Bestätigung dieser Wahrheit findet man aus jedem Blatt unserer Geschichte. Wenn ein Jude auch sonst kein hebräisches Wort kennt, zwei kennt er gewiß, das sind die Worte „Scholaum", Friede, und „Machlaukes", Unfriede oder Streit. Ungemein zahlreich sind in der Bibel und in den rabbiuischen Schriften die Lobpreisungen des Friedens und die Verwünschungen des Unfriedens — Beweis genug, wie selten der erstere war und wieviel man durch den letzteren zu leiden hatte. Denn wovon das Herz voll ist, sei es Freude oder Leid, davon geht auch bei einem Volke der Mund über. Das ganze Mittelalter widerhallt von den Streitigkeiten, welche die Gemeinden zerklüfteten. Zwar geben die mehrfachen Synoden, aus welchen die Koryphäen des Judenthums zur Ordnung gemeinsamer Angelegenheiten sich versammelten, davon Zeugniß, wie tief das Bedürfniß nach Organisation empfunden wurde und wie man demselben auch abzuhelfen bemüht war. Dennoch zeigt sich ein geordnetes Gemeinwesen während des Mittelalters unsern Blicken nur sehr vereinzelt, fast überall herrscht Zwietracht und Unordnung, selbst die Rabbiner in einer und derselben Gemeinde und deren Jünger bekämpften einander und oft.kam es zu Skandalscenen sogar in den Gotteshäusern. Dabei hat es ftüher