Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 88 (sequence 5)
- Language
- German
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88 I. Wer einmal die Mondsichel durch ein Teleskop betrachtet hat, der wird in der Nähe des inneren Randes, aber durch , den Schatten davon getrennt, vereinzelte Helle Punkte wahrgenommen haben. Dies sind nach der Erklärung der Astronomen Bergspitzen, die bereits von der Sonne beschienen sind, während die unmittelbar an den inneren Rand der Sichel grenzenden Partien Thäler sind, die noch im Dunkel liegen. Ich wähle dieses Bild (welches wir ja von unserer Erde nicht empfangen können, da wir uns nicht so weit von ihr zu entfernen vermögen, als wir thatsächlich vom Monde entfernt sind), weil es sehr ähnlich dem Eindrücke ist, den die entlegenen Partien unserer Geschichte auf uns machen. Da sehen wir auch sonnenbeschienene Stellen, oder richtiger Zeiten, die von den früheren oder späteren, welche mehr oder weniger in Dunkel gehüllt sind, sich scharf abheben. Eine der glänzendsten Partien, ja die glänzendste überhaupt, ist die Zeit Davids. Die Gestalt dieses Königs und seine Zeit erscheinen uns in bestimmten Umrissen und machen einen großartigeren Eindruck, als selbst, ich will nicht sagen die Gestalt, aber die Zeit Moses'. Es ist die wahre Blüthezeit unserer alten Geschichte, und wenn wir uns fragen, was die Ursache der damaligen Blüthe gewesen ist, so können wir darauf mit einem Worte antworten: Organisation. David war ein ausgezeichneter Organisator, er hat erst ein Ganzes, ein Reich geschaffen. Allerdings hat ihm bereits Samuel vorgearbeitet, aber David war der gelehrige Schüler, der dasjenige vollendete, wozu der Meister nur den Grund gelegt hatte. Es scheint, daß unseren Voreltern die Gabe der Organisation, welche z. B. die Römer in außerordentlichem Maße besaßen, und durch welche sie das vorzugsweise staatbildende Volk wurden, nicht in die Wiege gelegt war. Die Bibel giebt dies deutlich zu verstehen. Sie nimmt keinen Anstand, zu berichten, daß Moses auf eine der primitivsten Verwaltungseinrichtungen, nämlich die Vertheilung der Geschäfte auf eine Stufenfolge von Instanzen, erst von einem Heiden, seinem Schwiegervater Jethro, aufmerksam gemacht werden mußte. Den Mangel an Organisation in der vorsamuelischen Zeit schildert am kürzesten und treffendsten der typische Restain im Buche der Richter: „In jenen Tagen war