Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Über die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 87 (sequence 4)
- Language
- German
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87 unseren eigenen Augen, so doch jedenfalls für die christliche Welt ein religiöser und nur ein religiöser Faktor, und deshalb darf man behaupten, daß auch die jüdische Geschichte der Gegenwart, wir mögen wollen oder nicht, eine religiöse, oder vielmehr selbst Religion ist. Wenn diese Ausführung aber der Wahrheit entspricht, so wäre man nach der These Bernays', die ich im Eingänge dieses Aufsatzes angeführt habe, gar nicht im Stande, über das Judenthum geschichtlich zu reden, weil es noch da ist. Indessen bemerkt der genannte Gelehrte in denselben Auszeichnungen: „Einen großen Vorsprung hat die moderne Zeit vor der alten dadurch, daß sie eine alte Geschichte hat"*). Hiernach eignet sich das Judenthum, wenn es auch noch da ist, gleichwohl zu einer geschichtlichen Betrachtung. Wir überblicken Zeiträume unserer Ge-> schichte, von deren Ausdehnung und Entfernung wohl die Wenigsten jemals versuchen sich Rechenschaft abzulegen, wovon man sich aber einen ungefähren Begriff machen kann, wenn man bedenkt, daß der jüdische Geschichtsschreiber Josephus bereits vor 1800 Jahren eine seiner Schriften „Jüdische Archaeologie", d. h. Jüdische Alterthümer benennen konnte. Dagegen reicht das Alterthum der modernen Völker und Religionen nicht einmal oder kaum in das Zeitalter des Josephus zurück. Es ist aber mit der zeitlichen Ausdehnung wie mit der räumlichen, und wie der Reisende, der große Strecken eines Landes durchwandert hat, wohl im Stande ist, sich ein Urtheil über seine Bewohner, sein Klima und seine Erzeugnisse zu bilden, mag ihm auch die eine oder andere Gegend unbekannt geblieben sein, ebenso kann die Betrachtung einer in sehr ferne Zeiträume zurückreichenden, wenn auch nicht abgeschlossenen religiösen Geschichte zur richtigen Erkenntniß dessen führen, was auf ihre Entwicklung günstig oder ungünstig eingewirkt hat und voraussichtlich auch in Zukunft so wirken wird. Von dieser Voraussetzung ausgehend, will ich es versuchen, indem ich von äußeren Einflüssen absehe, die inneren Ursachen der Blüthe und des Verfalls in der Geschichte der' Juden auseinanderzusetzen. ') Das. II, 235.